FES-Analyse: Russland An die Stelle der alten Oligarchie seien nun die bürokratischen Machtstrukturen getreten, die weiterhin mit den oligarchischen Gruppen verwoben sind. Resultat dieser neuen Symbiose von korrupter Staatsbürokratie, oligarchischen Interessengruppen und den neuen Machtgruppen, den Siloviki, sei ein„capitalism in epaulets“, also ein Kapitalismus, der von den Kräften der Sicherheit dominiert werde. Dieser Epauletten-Kapitalismus, der auch als Koexistenz des politischen Autoritarismus mit liberaler Wirtschaftspolitik beschrieben werden kann, sei tendenziell noch unberechenbarer, weil er auf die Instrumente staatlicher Macht, nämlich Repression, Gewalt und selektive Nutzung der Judikative, zurückgreifen kann. 7 Es ist schon erstaunlich, wie die„linke“ Kritik Delyagins, obwohl sie gänzlich andere gesellschaftspolitische Ordnungsvorstellungen mit dem Modernisierungsprojekt Putins verknüpft, mit Argumenten der Politologin Schewtsowa übereinstimmt, die stark von amerikanischen Wertvorstellungen über die Zivilgesellschaft geprägt ist. Beide Positionen stehen exemplarisch für die gesellschaftspolitische Diskussion um das Schicksal von Demokratie, liberalen Parteien und der autoritären Transformation des politischen Systems. Und sie zweifeln daran, dass die neue Machtelite den politischen Willen aufbringen wird, die Modernisierung des Landes voranzubringen. Das Modernisierungsprojekt und die Schwäche des Regimes Die Synthese von demokratischen Wahlen, Marktwirtschaft und Autoritarismus, die seit der Jelzin Zeit galt, scheint sich aufzulösen. Denn die Art und Weise, wie die Wahlen zur Staatsduma manipuliert wurden, sowohl 1999 als auch 2003, haben den demokratischen Wahlmechanismus entwertet. Die Präsidentschaftswahlen von 2004 setzten diesen Trend fort. Damit ist aber, trotz aller Erfolge bei der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgestaltung der letzten Dekade, die essentielle Schaltstelle für demokratische Entwicklungen bedroht, die zugleich im politischen System den Umbruch vom sowjetischen zum postsowjetischen System markierte. Wird aber die postsowjetische Herrschaftsformel auf Autoritarismus und Marktwirtschaft verkürzt, erscheinen ein eklatanter Widerspruch und eine strukturelle Schwäche im Herrschaftssystem Putins. Es benötigt wirkliche oder dem Anschein nach reale Wahlen zur Legitimation der Macht des Präsidenten. Gleichsam entwertet die Bürokratie die gewonnene Legitimation, da diese Wahlen, so wie sie durchgeführt werden, für jeden ersichtlich zur Farce werden. Auf diese Weise gerät der Präsident ohne Not in ein doppeltes Dilemma. Erstens, weil kein Gegenkandidat in den Präsidentschaftswahlen 2004 auch nur den Hauch einer Chance hatte, entwertet diese Manipulation den eigenen Wahlsieg und wird das international erworbene Ansehen beschädigt. Zweitens, weil der Präsident die Wahlmanipulation duldet, unterwirft er sich der herrschaftsimmanenten Logik der bürokratischen Apparate. Er begrenzt somit den eigenen Handlungsspielraum bei der Reform der administrativen Strukturen. Dieser Umbau jedoch ist der Kerngedanke des Modernisierungsprojektes. Ohne Reform der Administration, und das heißt nicht nur Rückbau der Bürokratie, bleiben Transparenz, Rechtstaatlichkeit, Eindämmung der Korruption und Kontrolle bürokratischer Entschei-
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