FES Analyse: Brasilien sozialpolitischer Programme – in sein Wahlmanifest übernimmt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob es der PT gelingt, den unvermeidlichen Prozess der organisatorischen Restrukturierung und politischen Reorientierung ebenso zügig wie überzeu9 gend abzuschließen. Nur dann wird die Partei in der Lage sein, den Wahlkampf 2006 mit Aussicht auf Erfolg zu führen – und Lula die Chance haben, ein Mandat für eine zweite Amtszeit zu erringen. Brasiliens Außenpolitik zwischen traditionellen Bündnissen und neuen Partnern Im Vordergrund der Außenpolitik der Regierung Lula stand das Ziel, parallel zur Pflege der traditionellen Beziehungen mit den USA und Europa neue Bündnisse mit Ländern des Südens aufzubauen. Hinter diesem Bestreben stehen sowohl ökonomische als auch politische Ziele: Zum einen soll die stärkere Integration Brasiliens in den sich dynamisch entwickelnden Süd-Süd-Handel die Diversifizierung der brasilianischen Handelsbeziehungen vorantreiben und die Abhängigkeit vom europäischen und US-amerikanischen Markt reduzieren. Zum anderen soll der Handlungsspielraum Brasiliens auf internationaler Ebene über Partnerschaften mit Ländern des Südens – insbesondere mit den aufstrebenden Mächten China, Indien und Südafrika – sowie mit Russland erweitert werden. Die Früchte dieser Strategie wurden vor allem im Rahmen der WTO deutlich. Durch den Aufbau und die Stabilisierung des Verhandlungs- und Interessenblocks der G20 gelang es Brasilien, sich als zentraler player bei den WTO-Verhandlungen und als Stimme der Entwicklungsländer zu etablieren. So führten Indien und Brasilien als Vertreter der Entwicklungs- und Schwellenländer mit der EU und den USA die Vorgespräche zur WTO-Ministerkonferenz in Hongkong. Auf der Ministerkonferenz selbst stellte Brasilien bei den Agrarverhandlungen den entscheidenden Gegenspieler zur EU dar. Allerdings konnte die brasilianische Delegation nur ihr Minimalziel erreichen, nämlich die Festlegung eines Datums für das von der EU bereits im August 2004 zugesicherte Auslaufen der Exportsubventionen im Agrarbereich. Zwar vertrat die brasilianische Regierung in Hongkong eine harte Verhandlungsposition, doch war sie – ebenso wie die Delegationen der EU und der USA – gleichzeitig darum bemüht, ein erneutes Scheitern der Ministerkonferenz zu verhindern, da dies eine Gefährdung des multilateralen Handelssystem bedeutet hätte. Das Gesamtergebnis war ein Kompromiss, der sowohl von der EU und den USA als auch von Indien und Brasilien als bescheiden, aber akzeptabel bewertet wurde. Der von der Opposition und auch von einigen Analysten wiederholt geäußerte Vorwurf, die Regierung Lula betreibe die engere Anbindung an Länder des Südens auf Kosten der Beziehungen zu den traditionellen Bündnispartnern, lässt sich anhand der außenpolitischen Ereignisse des Jahres 2005 nicht nachvollziehen. Im Falle Europas hat die Regierung Lula – unbeschadet der Divergenzen im handelspolitischen Bereich, bei denen sie nicht zu Zugeständnissen bereit zu sein scheint – die Beziehungen über eine Reihe von Kanälen gepflegt und dabei deutlich gemacht, dass sie den europäischen Länderblock nicht nur als wichtigsten Handelspartner schätzt, sondern auch als politischen Partner betrachtet. Die Qualität der Beziehungen zu den USA wiederum findet ihren Ausdruck in der Tatsache, dass 2005 drei hochrangige Mitglieder der US-Regierung Brasilien besuchten: Verteidigungsminister Donald Rumsfeld(23. März), Außenministerin Condoleezza Rice (26. April) und der Vize-Außenminister Robert Zoellick(6. Oktober). Am 6. November kam schließlich auch der US-Präsident selbst nach Brasilia. Sowohl Präsident Bush als auch die Mitglieder seiner Administration machten dabei deutlich, dass die USRegierung in der subregionalen Führungsmacht Brasilien einen stabilisierenden Faktor in einer zunehmend instabilen Region sieht und die Regierung Lula trotz mancher politischer und ideologischer Differenzen als Partner betrachtet. Die bemerkenswerte Flexibilität der Weltmacht im Norden beim Umgang mit dem eigensinnigen Partner im Süden ist Ausdruck des robusten Pragmatismus, der das Verhältnis beider Regierungen zueinander prägt. Indessen führt Brasiliens Anspruch auf eine„unabhängige Außenpolitik“ bei gleichzei-
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Brasilien : vom Hoffnungsträger zum kleineren Übel? ; Die Regierung Lula im letzten Jahr ihrer Amtszeit
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