FES Analyse: Brasilien Hintergrund ist die spürbarer werdende chinesische Konkurrenz bei einigen verarbeiteten Produkten(Bekleidung, Spielzeug, Elektronik). Hinzu kommt, dass auf politischem Gebiet die Partnerschaft mit China kaum Fortschritte aufweist: Während die brasilianische Regierung China in zentralen Fragen wiederholt entgegengekommen ist, wurde im Verlauf des Jahres 2005 immer deutlicher, dass mit einer entsprechenden Gegenleistung nicht zu rechnen ist. Ein einschneidendes Ereignis war dabei die Entscheidung der chinesischen Regierung, Anfang Juni sowohl gegen eine Verlängerung des Mandats der von Brasilien geleiteten Friedensmission in Haiti als auch gegen die Erweiterung des UN-Sicherheitsrats zu stimmen. Auch wenn das Abstimmungsverhalten Chinas in der UN nicht gezielt gegen Brasilien gerichtet war, so bestärkte es in Brasilien dennoch Zweifel an der Substanz der strategischen Partnerschaft mit China. Die Tragfähigkeit der außenpolitischen Strategie der Regierung Lula wird sich an der Frage ent11 scheiden, ob die neuen Allianzen Brasiliens mit den aufstrebenden Mächten des Südens auch angesichts von Interessensgegensätzen Bestand haben. Ein Beispiel für solch einen Interessengegensatz ist die Öffnung der Agrarmärkte von Schwellen- und Entwicklungsländern. Bisher hat Brasilien zum Erhalt des Bündnisses der G20 die von Indien und China getragene Forderung nach der Einführung von special products in der WTO unterstützt, obwohl dieser Mechanismus zum Schutz ausgewählter Agrarsektoren dem brasilianischen Interesse nach einer weiteren Öffnung der Agrarmärkte im Süden zuwiderläuft. Angesichts der wachsenden Bedeutung dieser Märkte für brasilianische Agrarexporte – Ende 2004 exportierte Brasilien erstmals mehr Agrarprodukte nach Entwicklungs- und Schwellenländern als nach Industrieländern – bleibt abzuwarten, wie lange Brasilien bereit ist, diesen Preis zu zahlen. Die brasilianische Wirtschaft auf dem Wachstumspfad Nach einer Phase der Stagnation mit insgesamt unzureichender Entwicklung des BIP kehrte die brasilianische Wirtschaft 2004 auf den Wachstumspfad zurück und konnte das Jahr mit dem beachtlichen Expansionswert von+4,9 % abschließen. Der konjunkturelle Aufschwung setzte sich 2005 fort, doch fiel er mit+3,5 % deutlich schwächer aus als im Vorjahr. Die Wachstumskräfte dürften auch 2006 anhalten und eine Zunahme des BIP um+3,7% bewirken. Tabelle 2: Eckdaten der wirtschaftlichen Entwicklung BIP(Mrd. US-$) Realer BIP-Zuwachs Arbeitslosenrate(Jahr) Inflationsrate (Jahresende) Wechselkurs(R$:US-$) 1998 787,7 0,2% 1,16 Quelle: EIU Country Report Brazil, December 2005 1999 536,6 0,8% 1,81 2000 601,7 4,3% 7,1% 6,0% 1,83 2001 510,6 1,3% 6,8% 7,7% 2,35 2002 460,8 1,9% 11,7% 12,5% 2,92 2003 505,7 0,5% 12,3% 9,3% 2004 603,9 4,9% 11,5% 7,6% 2005* 786,8 3,5% 10,2% 5,5% 3,08 2,93 2,48 *vorläufig/** Prognose 2006** 905,5 3,7% 10,0% 5,0% 2,35 Während der Beginn des Zyklus 2003 im vollen Maße von der Außenwirtschaft getragen wurde, sorgte 2004 die positive Entwicklung des Binnenmarkts für die Fortsetzung der Konjunkturwende. Von entscheidender Bedeutung war dabei die starke Nachfrage nach Investitionsgütern einerseits sowie nach langlebigen Konsumwaren andererseits. Die Nachfragewelle konnte sich aber auch in den Massenkonsum hinein fortsetzen, wenn auch einige Branchen nur knapp auf der positiven Seite angelangt sind. Insgesamt wuchs der Industriesektor 2004 um+8,3 % und erzielte damit die höchste Wachstumsrate seit Ende der 80er Jahre. Dagegen fiel die Expansion der Industrie 2005 auf+4,3 % zurück und sorgte so im entscheidenden Maße für die Abschwächung des BIP-Zuwachses. Als Ursachen dieser Entwicklung sind die Abschöpfung des unmit-
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Brasilien : vom Hoffnungsträger zum kleineren Übel? ; Die Regierung Lula im letzten Jahr ihrer Amtszeit
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