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Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
Entstehung
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werde, um die Wirtschaft in Gang zu brin­gen. 1 Diese Zeitungen und die Opposition hatten nicht nur gegen die Wirtschaftspolitik Roo Moo-Hyuns polemisiert, sondern auch, und mit gleicher Vehemenz, gegen die Fortset­zung der Entspannungspolitik, gegen die Re­form des Arbeitsgesetzes, die das Los der informell Beschäftigten verbessern sollte, ja gegen das FTA-Agreement mit den USA und gegen den Import von amerikanischem Rind­fleisch. Vor allem letzteres sollte sich nach dem Amtsantritt von Lee Myung-Bak rächen. 3. Lee Myung-Bak als Messias Bei all den Ängsten um die wirtschaftliche Zukunft des Landes und den enttäuschten Vermögensräumen erschien der erfolgreiche Wirtschaftskapitän Lee Myung-bak als Heils­figur, die das große Schiff an neue befreien­de Ufer lenken würde. Diese Ufer wurden auch quantifiziert und in dieVision 747 ge­gossen die Wirtschaft sollte jährlich mit we­nigstens mit 7 Prozent wachsen, nach 10 Jahren ein Prokopfeinkommen von 40000 Dollar(derzeit etwa 24000 Dollar) erreichen und dann die 7. größte Wirtschaft der Welt sein(von Platz 11). Er wolle das Land in ein zweites take-off der industriellen Entwicklung führen. Zugleich versprach er, Nordkorea in­nerhalb von 10 Jahren auf eine Prokopfein­kommen von 3000 US Dollar zu bringen. Als ehemals erfolgreicher Manager der Bauspar­te des Hyundai Konzerns und populärer Bür­germeister von Seoul nahm man solche Visi­onen gerne für bare Münze. Der Bulldozer, so sein Spitzname, wird Eure Träume verwirk­lichen! das war seine message und die sei­ner Partei und der wichtigsten Printmedien. Der Messias verliert seine Kleider 1. Schlechter Start In Korea beruft der Präsident unmittelbar nach seiner Wahl eine Übergangskommissi­on, die unter seinen Vorgaben, die politi­schen Strategien und Vorhaben der neuen Regierung konkretisieren und Vorschläge zur Reorganisation von Ministerien und staatli­chen Agenturen erarbeiten sollen. Die Beset­zung dieser Kommission und ihrer vielen 1 Beide Argumente sind übrigens richtig, denn brutto nahm die Staatsverschuldung zu nicht aber netto, weil die Vermögen des Staates schneller wuchsen als seine Schulden. 2 Komitees mit Personen, die die letzte Diktatur (von Chun Doo Hwan) aktiv mitgetragen hat­ten, und mit bekannten Lobbyisten, war, auch wenn das von der breiten Öffentlichkeit zu­nächst nicht recht wahrgenommen wurde, für die politisch Interessierten ein Paukenschlag, den man nicht so schnell vergessen sollte. Der nächste, diesmal sehr breitenwirksame Schock war die Bildung seines Beraterstabes im Blue House, dem Präsidentenpalast, und des Kabinetts. So viele Millionäre auf einem Haufen hatte man noch selten in diesem Land gesehen, noch dazu überwiegend sol­che, die über Immobilienspekulation und auf allerlei undurchsichtigen Wegen ihre Vermö­gen erworben hatten. In der Folge mussten mehrere Kandidaten, die in der Vergangen­heit öffentliche Ämter nicht nur im öffentlichen Sinne ausgeübt und es auch sonst mit ihren Bürgerpflichten nicht sehr genau genommen hatten, zurücktreten, oft erst nachdem ihr Leumund wochenlang im Fernsehen, den kleineren Zeitungen und insbesondere im In­ternet mehr oder weniger genüsslich durch den Kakao gezogen worden war. Da der Leumund von Lee Myung-Bak selbst schwer­lich als vorbildlich gelten kann, mussten diese Fehlbesetzungen mitFreunden undVer­trauten umso mehr auf ihn selbst zurückfal­len. Das öffentliche Gezerre um diese Kandida­ten, die Reihenweise das Handtuch werfen mussten, wurde zu einem hochnotpeinlichen Spektakel für den neu gewählten Präsiden­ten. Wochenlang beschäftigten sich die Öf­fentlichkeit und das Parlament, dessen Zu­stimmung zu den Kabinettsbesetzungen er­forderlich war, im Detail mit den großen und kleinen Steuer- und anderen Vergehen der Kandidaten. Selbst die konservativen Zeitun­gen waren schockiert; umso wütender war die breite Öffentlichkeit. Ein weiterer selbstverpasster Tiefschlag war das große Kanalprojekt Lee Mung-Baks, mit dem er das Land, die Bauindustrie und wohl auch die Spekulanten, die sich schon im gro­ßen Stil mit Grundstücken entlang der ge­planten Kanaltrasse versorgt hatten, beglü­cken wollte. Dieses Projekt macht so wenig Sinn wie einen Kanal über den Apennin in Italien. Der Widerstand aus der Bevölkerung und von Fachleuten 150 Professoren der Seoul National Universität, der angese­hendsten Universität des Landes, sprachen sich dagegen aus war aus Gründen des