mehr und mehr ohne Kleider da, nahm das aber selbst über lange Zeit vermutlich gar nicht wahr. Er wog sich wohl in der Hoffnung, dass die öffentliche Wut bald wieder abflauen würde. Seit dem 10. Juni setzte man zunächst auf Deeskalation. Man riegelte das Blue House nun großräumig ab und ließ die Demonstranten hinter den Barrieren aus Bussen und Containern freien Lauf. Diese Barrieren wurden weiterhin als Absage an den Dialog mit den Bürgern gewertet. Die Demonstrationen gingen unvermindert bis Anfang Juli weiter. Daran konnte auch die Entlassung seines gesamten Beraterstabes am 20. Juni nichts ändern, ebenso wenig die Entlassung von drei Ministern Anfang Juli. Schon Ende Juni wurde die Deeskalationsstrategie wieder aufgegeben. Man gab öffentlich bekannt, dass man gegen Demonstranten unter Einsatz von staatlichen Mitteln wie dem Einsatz von Wasserwerfern, möglicherweise auch von Tränengas sowie mit strafrechtlicher Verfolgung von Demonstranten wegen Diffamationen von Politikern und des Präsidenten im Internet vorgehen werde. Tatsächlich eskalierte die staatliche Gewalt. Um Schlimmeres zu vermeiden, griff nun die in den Augen vieler Bürger die höchste moralische Autorität des Landes, die beim Sturz der Diktatur eine entscheidende Rolle gespielt hatte, nämlich eine Gruppe katholischer Priester, in das Geschehen ein. Ihnen folgten Mönche aus verschieden Orden und auch einige protestantische Kirchen. Die Kundgebungen wurden zum Gottesdienst erklärt und als solche der Reihe nach von den religiösen Kongregationen gefeiert. Die moralische Diskreditierung der Regierung, ganz in der Tradition der Bekämpfung der Diktatur, wurde hier für alle Koreaner unmittelbar sichtbar. Die Popularität von Präsident Lee Myung-Bak fiel in dieser Zeit deutlich unter 20 Prozent. In dieser Not kam ihm die japanische Politik zu Hilfe. Das japanische Bildungsministerium gab neue Richtlinien für die Erstellung von Schulbüchern bekannt, denen zufolge der Konflikt um eine kleine Inselgruppe(japanisch Takeshima, koreanisch Dokdo) zum Thema des Mittelschulunterrichts gemacht werden sollte. Dieser schwelende, hochemotionalisierte Konflikt lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit für ein paar Wochen ab. Man spekulierte schon darüber, ob Abgeordnete aus dem Lager Lee Myung-Baks bei den 8 Kerzendemonstrationen auftreten würden, um an den, im Lande ausgeprägten Nationalismus zu appellieren. Zu dieser Umfunktionalisierung kam es dann doch nicht. Stattdessen brachte der Besuch von Präsident Bush am 5. August wieder Zigtausende wohlabgeschirmter Demonstranten auf die Straße. Danach sorgte die Olympiade und die koreanischen Erfolge für Ablenkung. Die Demonstrationen gingen aber trotzdem weiter und wurden am 15. August, dem Tag, an dem Japan kapitulierte und Korea von der Kolonialherrschaft befreit wurde, zum Kontrapunkt der offiziellen Feierlichkeiten. Ausblick Lee Myong-Bak wurde mit fast absoluter Mehrheit unter 10 Kandidaten gewählt. Schon bei Amtsantritt am 25. Februar hatte er durch die unglückliche Besetzung von Kabinett und Beraterstäben einen erheblichen Teil seines Startkapitals verspielt. Unbeirrt hielt er an seinem absolutistischen Führungsstil fest und meinte eine über zwei Jahre geführte öffentliche Diskussion über den Import von amerikanischem Rindfleisch ignorieren zu können. Eine Reihe weiterer innen- und außenpolitischer Fehler ließen ihn weiter an Glaubwürdigkeit und Ansehen verlieren. Er kapselte sich im Blue Hause ab, statt sich dem Volk zuzuwenden. Seine Methoden im Umgang mit den protestierenden Bürgern nehmen, wenngleich er gelegentlich bereit war taktische Zugeständnisse zu machen(z.B. Verzicht auf die Privatisierungsvorhaben von Krankenversicherung, Wasser und Energie sowie auf sein Flagschiffprojekt, den großen Kanal), immer deutlicher autoritäre und repressive Züge an. Dies gilt nicht nur für den Einsatz der unglaublich martialisch wirkenden anti-riot Polizeitruppen, sondern auch für andere Bereiche. Dazu gehören die Medien. Der Präsident der staatlichen, aus Sicht Lee Myung-Baks zu kritisch berichtenden Fernsehanstalt KBS wurde unrechtmäßig entlassen und unter Vorwänden in Untersuchungshaft genommen. Bei YTN, ein Nachrichtenfernsehsender, wurde der Präsident durch einen Vertrauten Lee Myung-Baks(Mitglied seiner Kirchengemeinde) ersetzt. Die YTN-Belegschaft ist seitdem im Streik. Bei MBC, einem anderen Privatsender, wurden die Redakteure des beliebtesten politischen Informationsmagazins(PD sucheop) entlassen und gegen sie
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Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
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