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Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
Entstehung
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Landschafts- und Grundwasserschutzesnorm, während die Wirtschaftlichkeitsfrage nie befriedigend beantwortet wurde. Trotz verbaler Zugeständnisse distanzierte sich Präsident Lee Myung-Bak niemals von die­sem Projekt. Die Hartnäckigkeit mit der der Präsident weiterhin an dem Projekt festzuhal­ten schien, ließ den Bulldozer in einem ande­ren Licht erscheinen, nämlich als jemand, der sich über sachliche Gegenargumente und den Mehrheitswillen hinwegsetzte. Der Ansehensverlust hatte auch seine humo­ristischen Seiten. Die Vorsitzende der Über­gangskommission, eine enge Vertraute des Präsidenten, machte sich mit ihrem Vor­schlag lächerlich, Unterricht in Korea nur noch auf Englisch stattfinden zu lassen. Alle koreanischen Schüler sollten diese Sprache wie ihre Muttersprache erlernen. Um diesen Anspruch zu untermauern, gab die Vorsit­zende ihr eigenes Amerikanisch mit breitem Südstaatenakzent zum Besten. Ihr so ge­sprochenesorange steht noch heute in den Komik-Hitlisten im Internet. 2. Parlamentswahl: Missbrauch der Vermögensträume der Wähler Lee Myung-Bak war von 2002-6 Bürgermeis­ter von Seoul. Er kam aus der Bauwirtschaft und er hatte sich die urbane Erneuerung der Stadt Seoul zum Ziel gesetzt. Dazu gehörten eine ganze Reihe von sog. New Towns im nördlichen, bis dahin vernachlässigten Teil von Seoul: die Bewohner von Gangbuk, also dem Gebiet nördlich des Han Flusses, sollten nun endlich auch die Chance haben, so kom­fortabel wie die Leute im Süden, in Gangnam, zu leben. Die New-Town-Vorhaben sind für die Eigentümer von Grundstücken und Im­mobilien in den jeweiligen Gebieten mitnormen finanziellen Vorteilen verbunden, weil sie für ihr altes Eigentum entschädigt und ein Anrecht auf eines der zu bauenden Apart­ments in riesigen bis zu 40 Stockwerken ho­hen Wohnanlagen(in Korea die bevorzugte Art zu wohnen) erwerben. Nach einer Scham­frist kann man diese Wohnungen erfahrungs­gemäß zu erheblich höheren Preisen weiter­verkaufen. Da Wohneigentum in Korea über­haupt und in solchen altgewachsenen Stadt­teilen ganz besonders weit verbreitet ist, konnte es bei der Parlamentswahl vom 9. Ap­ril 2008 kaum ein besseres Wahlversprechen geben als das, in den Wahlbezirken, in denen es noch keine New-Town-Vorhaben gab oder 3 gegeben hatte, solche Vorhaben zu verspre­chen. Im Großraum Seoul bildeten solche Verspre­chen den Kern der Wahlkampfstrategie der konservativen Hannaradang. Nachdem ihr wichtigster Gegner, die Demokratische Partei (Minjudang), diese Strategie spitz bekommen hatte, versuchten sich ihre Kandidaten auch damit, litten jedoch unter einem Glaubwürdig­keitsnachteil, da die ursprüngliche Idee ja auf Lee Myung-Bak als Bürgermeister zurück­ging. Allein in Seoul konnte die Hannaradang 22 Sitze hinzugewinnen, ganz überwiegend in Wahlbezirken, in denen die New-Town­Karte gespielt worden war. Wenige Tage nach der Wahl sagte der Bürgermeister von Seoul dazu, er könne das nicht verantworten und mitfinanzieren. Auch die Abgeordneten wollten von ihren Versprechen nichts mehr wissen und schoben die Verantwortung an­deren zu. Die Enttäuschung und die Wut ihrer Wähler war maßlos und war über Wochen ein brennendes Thema in Fernsehen und Inter­net. Ohne diese Wahlkampflüge hätte die Hanna­radang ihre knappe Mehrheit von 4 Sitzen im neuen Parlament sicher verfehlt, wenngleich das konservative Lager insgesamt, das sich vorher noch gespalten hatte, eine satte Mehr­heit erreichen konnte. Nach dem überzeu­genden Sieg Lee Myung-Baks bei der Präsi­dentschaftswahl hatte man mit einem noch überzeugenderen Sieg der Hannaradang, nämlich einer Zweidrittelmehrheit, bei der Parlamentswahl gerechnet. Dass das nicht so war, hat sie dem schlechten Start Lee My­ung-Baks zu verdanken. 3. Camp David und Rindfleisch Wenige Tage nach der Parlamentswahl reiste Lee Myung-Bak in die USA, um damit seine Loyalität gegenüber den USA und die Militär­allianz zu bekräftigen. In seinem Streben, sich von seinem Vorgänger, der stets Distanz zu Washington gehalten hatte, erwartete er wohl, dass dies ein Heimspiel werden würde, da der Antiamerikanismus kein entscheiden­des Moment mehr in der südkoreanischen Politik ist. Tatsächlich reagiert man aus historischer Er­fahrung mit Vorsicht, wenn man einer, für die Existenz Koreas entscheidenden Großmacht zu nahe kommt. Als kleines Land, das mehr als genug unter den Launen von Großmäch­ten gelitten hat, versucht man lieber, sich mit