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Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
Entstehung
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3. Ausweitung und Eskalation der Ker­zendemonstrationen Die Demonstrationen begannen in den ersten Maitagen und dauern bis heute an. Die Zahl der Teilnehmer wurde ständig größer und die Umfragewerte für Präsident Lee Myung-Bak immer schlechter. Wie konnte ein von Schülern im Netz begon­nene Protestaktion zu einer massenhaften Bewegung gegen den gerade gewählten Prä­sidenten Lee Myung werden? Der Anlass war ohne Zweifel die bedingungs­lose Zulassung von jahrelang heftig umstrit­tenen Rindfleischimporten aus den USA, die durch einen unerwarteten und schlecht vor­bereiteten Federstrich besiegelt wurde, und zwar, so die allgemeine Wahrnehmung, als Preis für die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit des neugewählten Präsidenten, nämlich von Präsident Bush nach Camp Da­vid eingeladen zu werden. Der wahrscheinlich wichtigste Grund für die Eskalation der online- und offline­Protestbewegung liegt in den unangemesse­nen und ungeschickten Reaktionen des Prä­sidenten und seines Umfeldes(Stab im Blue House und Minister). Offensichtlich verstand man nicht, welche Rolle das Internet als Ge­genöffentlichkeit und als Mobilisierungsplatt­form besitzt, obwohl man das aufgrund der Ereignisse 2002 und 2004 hätte wissen kön­nen. Wahrscheinlich hatten weder Entschei­dungsträger noch ihre Mitarbeiter Zeit, sich mit den Vorgängen im Internet zu befassen, weil sie von Lee Myung-Bak jenseits des menschlich Verkraftbaren, mit Arbeitvollge­knallt worden waren. Soweit man etwas verstanden hatte von die­ser Netizenwelt, reagierte man vollkommen unangemessen, etwa dem flat-rate-Verbot oder dem Verbot von Spitznamen. Man ernte­te nicht nur Spott, denn solche Vorschläge bedeuteten eine Verweigerung des Dialogs. Diese Verweigerungshaltung wurde durch den Einsatz von Zigtausenden von Polizei­und Sondertruppen und die Bus- und Contai­nerbarrieren täglich bestätigt. Ein Präsident, der sich dem Dialog mit dem Volk verweigert das weckte zu viele Reminiszenzen an die Zeiten der Diktatur. 7 Am oberen Bildrand der Präsidentenpalast; hinter den Demonstranten die Barrieren aus Containern und Bussen Diese Erinnerungen wurden mit Schrecken wach, als man Bilder von einer heftig bluten­den Studentin und jemand aus der anti-riot Spezialtruppe, der mit seinen Stiefeln den Kopf eines am Boden liegenden Demonstran­ten rücksichtslos und brutal bearbeitete, in Internet und Fernsehen zu sehen bekam. Der Einsatz von Wasserwerfern, die noch dazu unter Verletzungsgefahr direkt auf einzelne Demonstranten gerichtet wurden, waren für viele ein zusätzlicher Beweis dafür, dass der Präsident nicht aus demokratischem Holz geschnitzt ist. Hinzu kam, dass sich in diesen Wochen meh­rere historische Ereignisse jährten, darunter das Ende der Diktatur, das durch den tragi­schen Tod eines Studenten durch eine Trä­nengaspatrone am 10. Juni 1987 eingeläutet worden war. Das war der Tag, an dem lan­desweit eine Million Menschen auf der Straße war. Wäre es zum Einsatz von Tränengas gekommen, wäre ein Aufstand wie damals denkbar geworden. So oder so hatte der Präsident das Vertrau­en, das man anfänglich in ihn gesetzt hatte, verloren. Damit änderten sich Themen und Tenor der Demonstrationen. Die Demonst­ranten sangen immer häufiger eine vertonte Fassung von Artikel 1 der Verfassung:Korea ist eine demokratische Republik. Die Macht geht vom Volke aus. Es ging nun vorrangig, wie schon 2004, um die Verteidigung der Demokratie. Der schlechte Start Lee Myung-Baks und vie­le hier nicht erwähnte, kleinere und größere Fehler und kontroverse politische Vorhaben kochten vor dieser sich verändernden Wahr­nehmung der online- und offline­Diskussionen immer weiter hoch. Pech für ihn, als Folge der Finanzkrise in den USA und dem rapiden Anstieg der Ölpreise verlo­ren auch seine wirtschaftlichen Heilsverspre­chen an Glaubwürdigkeit. Der Kaiser stand