BSE und die Verteidigung von Gesundheit und Leben, um fehlerhafte Politik der neuen Regierung, nicht aber um Ideologie. Entideologisierte Politik sozusagen. Minjudang(DP), die größte Oppositionspartei wurde ebenfalls ausgebuht. Nur Kang Ki-Gap, ein Bauernführer und Abgeordneter der Minjunodongdang (Demokratische Arbeiterpartei), der seit Jahren gegen die Liberalisierung der Agrarmärkte und den Import von US-Fleisch gekämpft hatte, wurde als Redner bei Veranstaltungen akzeptiert. Man kann von einer themenorientierten Selbstmobilisierung der Netizen gegen die etablierten Parteien und die manipulativen Medien sprechen. 2. e-agora und afreeca – Öffentlichkeit in Internet-Zeitalter Dass sich eine Gegenöffentlichkeit im Internet bildet, hat schon Tradition in Korea. Die Gegenöffentlichkeit spielte zum ersten Mal bei der Präsidentschaftswahl 2002 eine entscheidende Rolle, dann wieder 2004 beim Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Roh Moo-Hyun. Sie richtete sich gegen die gezielte Manipulation und Beeinflussung von Nachrichten und öffentlicher Meinungsbildung durch die großen Zeitungsverlage. 2002 konnte man die Kräfte, die diese Gegenöffentlichkeit vorantrieben, klar identifizieren. OhmyNews, eine progressive und interaktive Internetzeitung, und Nosamo, ein Fan Club von Roh Moo-Hyun, der über das Internet kommunizierte und auf diese Weise auch offline-Aktionen organisierte, waren die wichtigsten Plattformen. 2004 hatte sich diese Gegenöffentlichkeit schon weitgehend entinstitutionalisiert. Es passierte, dass auf Vorschläge einzelner, unbekannter Netizen, Zigtausende Bürger auf die Straße gingen. Diese Entinstitutionalisierung ist 2008 zur Normalität geworden. Der gesamte Prozess von Informationsaustausch und Meinungsbildung bis hin zur Mobilisierung verläuft chaotisch, anarchisch, spontaneistisch und ist unsteuerbar. Trotzdem suchten Regierung und konservative Presse verzweifelt nach Drahtziehern im Hintergrund. Sie ernteten nur Spott. So trugen Babys und Kleinkinder der sog.„Kinderwagentruppe“(s. Photo) bei den Kerzendemonstrationen Schilder mit der Aufschrift„Mamas Drahtzieher bin ich!“. Freilich haben auch urwüchsige, unsteuerbare Kommunikationsprozesse infrastrukturelle Voraussetzungen. Internettechnisch gesehen 5 ist Korea eines der modernsten Länder überhaupt. Die Kosten der Internetnutzung steigen nicht mit der Zahl der Zugriffe, da die Abrechnung fast nur über flat rates erfolgt. Umso mehr wollte Präsident Lee Myung-Bak nach den ersten Kerzendemonstrationen flat rates schlichtweg verbieten: Die dahinterstende Logik war, dass die Kosten die Schüler und andere Nutzer des Internets davon abhalten würden, sich gegen ihn zusammentun. Zugleich wurde bekannt, dass die Rundfunkkommission die Portalseite Daum aufforderte,„verleumderische“ Ausdrücke wie 2 MB herauszufiltern. Schon im April war diese Abkürzung für den Namen von Lee Myung-Bak im Internet aufgetreten.„Lee“ kann im Koreanischen phonetisch nämlich auch„2“ bedeuten, während seine Initialen MB als Megabyte gelesen werden können. Die damit gemeinte Anspielung war, dass Lee Myung-Bak noch nicht im Zeitalter von Gigabyte, GB, angekommen sei und noch im MB-Zeitalter lebe. Das Verbot von flat rates und seiner Spitznamen belegte diese Anspielung nur. Der Präsident erntete nicht nur im Internet Hohn und Spott. Internetkomik und breit gespannte und schnelle Kommunikationsnetze haben nicht nur technische, sondern auch organisatorisch-institutionelle Voraussetzungen. Dazu gehören Plattformen, auf denen die Netizen im Internet zusammenkommen, sich über Themen und Fora informieren und ggf. zu offline-Aktionen mobilisieren können. Früher stellten progressive Internetzeitungen oder Fan Clubs solche Plattformen zur Verfügung; heute sind sie politisch neutral ohne eigene politische Agenden. Wichtigste Plattform für die aktuellen Debatten und Mobilisierungen ist“Agora“. Sie entstand bewusster Anlehnung an die griechi-
Druckschrift
Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten