möglichst allen großen Spielern gut zu stellen. Sich in Loyalitätsreflexen gegenüber Washington zu üben, und das tat Präsident Lee Myung-Bak zumindest verbal, musste bei vielen Koreanern als Gefahrensignal ankommen. Unmittelbar erheblich größere Auswirkungen hatte allerdings die Unterschrift unter ein Dokument, das den amerikanischen Rindfleischhändlern praktisch freie Hand beim Rindfleischexport nach Korea gab. Es kam sofort der Verdacht auf, dass Lee Myung-Bak seine Unterschrift als Preis für die Einladung nach Camp David gegeben hatte, ein Privileg, das noch keinem koreanischen Präsidenten zuteil geworden war, auch nicht dem japanischen Premier Fukuda bei seinem USBesuch im November 2007. Nun muss man wissen, dass schon zu Zeiten von Präsident Roh Moo-Hyun wegen der unzureichenden amerikanischen veterinärmedizinischen Kontrollen und der nicht immer ausreichenden Hygienestandards amerikanischer Schlachthöfe jahrelang eine Diskussion über die Sicherheit amerikanischen Rindfleischs und die Wiederzulassung von Importen getobt hatte. 2 Roh Moo-Hyun wollte bei entsprechender Zertifizierung Fleisch von Rindern unter 30 Monaten unter Ausschluss von Knochen und möglicherweise gesundheitsgefährdendem Körpergewebe zulassen – und war deshalb von Hannaradang und den Zeitungen noch im April 2007 über Wochen massiv angegriffen worden. Die Erinnerung daran wurde gleich wieder wach, als Lee Myung-Bak seine Beamten diese Blankounterschrift in New York geben ließ. Kerzendemonstrationen 1. Schüler übers Internet zu den Kerzen Mit der Unterzeichnung brach der alte Sturm auf breiter Front wieder los. Lee Myung-Bak meinte am 22. April dazu, er wolle seine Bürger mit gutem und preiswerten Rindfleisch versorgen. Wem das nicht gefalle, der müsse es ja nicht essen. Diese Äußerung zeitigte Reaktion von durchschlagender Wirkung, und zwar zunächst bei Schülern und deren Müt2 Korea importiert wie Japan einen großen Teil seiner Nahrungsmittel, darunter sehr viel Rindfleisch. Nach den ersten BSE-Fällen in den USA 2003 wurden die Importe storniert. Australien übernahm die amerikanische Rolle. 4 tern, denn sie mussten wohl nicht ganz zu unrecht fürchten, dass die Kinder über die Schulspeisungen zur größten Konsumentengruppe amerikanischen Rindfleischs avancieren würden. Die Schüler diskutierten ihre Sorgen per SMS und im Internet. Innerhalb kürzester Zeit bildete im Internet eine Öffentlichkeit gegen die vermeintlich wohlwollenden Absichten der Regierung und gegen die drei großen Zeitungen, die die Position der Regierung stützten. Im Internet entstand Anfang Mai der Gedanke, dass es an der Zeit sei, nicht nur online zu debattieren, sondern auch offline in Aktion zu treten. Im Anti-Lee-Myung-bak-Café in Daum wurde zu einer Kerzen-KulturVeranstaltung am 2. und 3. Mai aufgerufen und diese ordnungsgemäß bei der Stadt Seoul angemeldet. 3 Zur Überraschung der Initiatoren selbst fanden sich am 2. und 3.5.2008 mehrere Tausend Demonstranten ein. Die meisten waren Schüler und deren Mütter. Man versammelte sich am Cheonggecheon – ironischerweise ein Ort, der wie kein anderer mit Lee Myong-Bak verbunden ist, weil er in seiner Zeit als Bürgermeister eine Stadtautobahn abgerissen, den darunter liegenden Fluss renaturiert und den Bürgern ein ganz neues Gefühl von Urbanität gegeben hatte. In den folgenden Tagen explodierte die Zahl der Teilnehmer. Es bildete sich ein Volkskomitee gegen BSE-Fleisch, das von 1700 unterschiedlichen Gruppierungen im Internet und der NGO-Szene getragen wurde. Dieses Komitee hatte keine Führungsstruktur, die Bewegung blieb ein lockerer Verband von sich selbst mobilisierenden Gruppen. Auch die NGOs, die die Demokratiebewegung in Korea getragen hatten, konnten keine führende Rolle übernehmen. Es ging nur um 3 Eine Kulturveranstaltung muss nur angemeldet, eine Demonstration vorher genehmigt werden.
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Demokratie im Internet-Zeitalter : vier Monate Kerzendemonstrationen in Korea ; Hintergründe und Ursachen
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