Türkei: Zwischen Realpolitik und rhetorischen Muskelspielen _Éííáå~=iìáëÉ=o Ω êìé ∗ Israels Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen bewegte im Januar 2009 die türkische Öffentlichkeit und prägte sowohl die türkische Innen- als auch die Außenpolitik. Um die Interessenlage genauer zu verstehen, lohnt es sich, zwischen der Stimmung in der Bevölkerung, dem Stand der türkischisraelischen Beziehungen, dem wahlkampforientierten Verhalten der Politiker, den außenpolitischen Grundsätzen und dem konkreten diplomatischen Handeln zu differenzieren. Stimmung in der Bevölkerung zwischen Solidarität und Antisemitismus In der türkischen Bevölkerung war es seit Beginn des Gazakrieges am 27. Dezember 2008 zu einer Vielzahl von Solidaritätsbekundungen mit der palästinensischen Zivilbevölkerung gekommen. Die türkischen Medien unterstützten diesen Prozess durch intensive Berichterstattung über die Situation der Menschen in Gaza; Hilfsprogramme für die Opfer des Krieges verzeichneten ein hohes Spendenaufkommen. Für die Mehrzahl der Türken stehen hierbei wohl humanitäre Motive im Vordergrund. Bei der Vielzahl von Kundgebungen und politischen Veranstaltungen verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen in den letzten Wochen gab es jedoch nicht nur anti-israelische, sondern auch antisemitische Positionierungen sowie Solidarisierungen mit der Hamas. Verschiedene empirische Umfragen belegen einen in der türkischen Bevölkerung verbreiteten Antisemitismus(so z.B. der mÉï=däçÄ~ä=^ííáíìÇÉë= pìêîÉó= OMMU), der durch politische Bewegungen leicht instrumentalisiert werden kann. Diese Positionen werden häufig eher dem nationalistischen Lager in der Türkei zugerechnet, das nicht nur durch antisemitische, sondern auch durch anti∗ Bettina Luise Rürup leitet das Büro der FriedrichEbert-Stiftung in Istanbul/ Türkei westliche, anti-amerikanische, antichristliche und anti-liberale Positionen geprägt ist. Aber auch andere Institutionen der Zivilgesellschaft wie Menschenrechtsvereine, Verbraucher- und Wirtschaftsverbände haben starke Worte gefunden und eindeutig Position gegen Israel bezogen. Vertreter der jüdischen Bevölkerung in der Türkei(Nachfahren der sephardischen Juden, die 1492 nach Istanbul gekommen sind) äußern sich besorgt über die Zunahme des deutlich zu Tage tretenden Antisemitismus in der Türkei. Jüdische Verbände in den USA, zu denen die Türkei seit vielen Jahren enge Beziehungen pflegt, haben die Regierung aufgefordert, die Sicherheit der Juden in der Türkei zu gewährleisten. Priorität Wahlkampf: Außenpolitik ist Innenpolitik= Die am 29. März anstehenden Kommunalwahlen in der Türkei prägen seit Ende des Jahres 2008 als„nationales Ereignis“ die allgemeine politische Debatte in der Türkei. Auch die innenpolitische Auseinandersetzung mit dem Krieg in Gaza muss in diesem Kontext gesehen werden. Einige extremistische Parteien wie die p~~ÇÉí=m~êíá(des ehemaligen Ministerpräsidenten Erbakan) versuchen die verbreitete Sympathie mit der Zivilbevölkerung in den palästinensischen Gebieten für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Auch die Regierungspartei AKP möchte die Anteilnahme in der Bevölkerung für sich nutzen und in Wählerstimmen ummünzen. Ministerpräsident Erdo an ist bekannt dafür, ein gutes Gespür für die Stimmungen in der Bevölkerung im Wahlkampf zu haben und diese ohne Skrupel zu nutzen. Er trifft einfache Aussagen wie„Wir sind für die Unterdrückten, nicht für die Unterdrücker“ und verurteilt den Krieg als„Barbarei“ und als„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Auch die öffentlichkeitswirksame, landesweite Plakatierung der Initiative der Ehefrau des Ministerpräsidenten, die so genannten cáêëí= i~ÇáÉë= Ñ Ω ê= cêáÉÇÉå= áã= k~ÜÉå= lëíÉå=(Ehefrauen der Staatschefs der Region) nach Ankara einzuladen, zielt darauf, die Sympathiewerte der Regierungspartei zu erhöhen. Während der Ministerpräsident häufig eher einseitig Partei bezogen hat, gibt es von ihm 19
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Der Gaza-Krieg und seine Folgen : Realpolitik in einer verunsicherten Nachbarschaft ; Analysen ausgewählter FES-Büros in der Nahost-Region
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