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Lohnstreiks und Gewerkschaften in China : Ende der Niedriglohnpolitik?
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INTERNATIONALE POLITIKANALYSE Lohnstreiks und Gewerkschaften in China Ende der Niedriglohnpolitik? RUDOLF TRAUB-MERZ Juni 2011 n Die Lohnstreiks des Jahres 2010 haben in China die Widersprüche im tradierten Sys­tem der Arbeitsbeziehungen offenbart und das Dilemma des Gewerkschaftsdach­verbandes(ACGB) verdeutlicht: tritt der All-chinesische Gewerkschaftsbund weiter­hin als Vermittler im Interesse des Staates bzw. der Arbeitgeber auf, werden die Beschäftigten ohne ihn für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Definiert er sich dagegen als Interessenvertreter der Arbeitnehmer und damit als Konfliktakteur kann er nicht länger wie eine ausgelagerte Sozialbürokratie des Arbeitsministeriums verfasst bleiben. n Seit der Weltwirtschaftskrise von 2008 zeichnet sich ab, dass das chinesische Ak­kumulationsmodell mit seinen hohen Exportüberschüssen und massiven staatlichen Investitionen in die Infrastruktur des Landes an seine Grenzen stößt. Der 12. Fünf­jahresplan(2011-15) veranschaulicht bereits, dass die chinesische Führung Wirt­schaftswachstum künftig verstärkt über die Förderung des Binnenmarktes und eine Anhebung der niedrigen Lohn- bzw. Konsumquote absichern will. n Vor dem Hintergrund der wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen stellen die Lohnstreiks und Arbeitskonflikte die Frage nach der Rolle des All-chinesischen Ge­werkschaftsbundes. Zwar unterstützt der ACGB derzeit eine Initiative, die für Un­ternehmen eine gesetzliche Tarifverhandlungspflicht fordert; solange Betriebsge­werkschaften aber nicht durch Wahlen an Arbeitnehmerinteressen rückgekoppelt werden und ihnen organisatorische Autonomie verwehrt wird, sind echte Tarifver­handlungen nicht möglich. Die neue Lohnpolitik in China dürfte deswegen verstärkt vom Wechselspiel zwischen Lohnstreiks und einer Anhebung gesetzlicher Mindest­löhne bestimmt werden.