RUDOLF TRAUB-MERZ| LOHNSTREIKS UND GEWERKSCHAFTEN IN CHINA lungen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, würden diese wahrscheinlich von Beginn an nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit, sondern immer mit Blick auf die ohnehin folgende Schlichtung geführt. Zudem wären die Folgen offen, wenn der Schlichterspruch von einer Seite nicht hingenommen wird. n Zu erwarten ist schließlich, dass ein mit bürokratischen Hürden verbundenes Streikrecht eher kontraproduktiv wirkt. Eine Verpflichtung auf einen bestimmten Ablauf, eine Bindung an eine Abstimmung oder Vorgaben zur Schriftlichkeit und Dokumentation sind Auflagen, die nur Apparate erfüllen können. Ein solches Streikrecht wird zum Streikrecht einer Organisation. Wohin die Entwicklung läuft, wenn ein Streikrecht an Gewerkschaften vergeben wird, das keine Verankerung in der Arbeitnehmerschaft hat, zeigt das Beispiel Vietnams. Seit dessen Einführung(1995) waren alle der bisher mehr als 3 000 Streiks illegal(Chi 2011). Die bisherige chinesische Praxis, Streiks rechtlich ungeregelt zu lassen, bietet demgegenüber Vorteile. Diese könnte auch der ACGB nutzen, um in gegebenen Situationen zum Streik aufzurufen. Allerdings müsste hierzu das Gewerkschaftsrecht geändert werden, welches bisher bei work stoppages darauf verpflich tet, ein schnelles Streikende herbeizuführen. Der ACGB steht somit vor einem grundsätzlichen Dilemma: Will er ernsthaft Tarifverhandlungen führen, muss er über freie Betriebswahlen eine aktive Mitgliederarbeit anstreben und sich einer positiven Streikpraxis zuwenden. Dazu müssten die rechtlichen Verpflichtungen zur Schlichtung entfernt und die strenge Organisationsführung entsprechend der Prinzipien des demokratischen Zentralismus partiell aufgehoben werden. Nur in operativer Autonomie können Betriebsgewerkschaften konfliktbereit und verhandlungsfähig sein. Hier ge rät die Tarifautonomie in Konflikt mit der gewerkschaftlichen Rolle des ACGB als Transmissionsriemen der Partei. Dabei liegt die Entscheidung über den rechtlichen und organisatorischen Spielraum nicht beim ACGB, sondern bei der KPC. Die gewerkschaftlichen Organisationsebenen sind auf jeder Stufe – und dies ist die dominante Form der Kontrolle – einer»horizontalen Parteiaufsicht« unterstellt. Letztlich sind es die kommunalen Parteistrukturen, die über Distriktgewerkschaften das Sagen haben und – soweit sie selbst keine Weisungen von oben erhalten – über gewerkschaftliche Autonomie befinden. 5. Makroökonomie und neue Sozialpolitik Nicht nur streikende Abeiter und demografische Verschiebungen stellen die bisherige Lohnentwicklung infrage. Argumente für die Anhebung der Lohnquote kommen auch aus der makroökonomischen Steuerung und den internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Seit der globalen Finanzkrise 2008/09 steht das Außenhandelsregime und mit ihm der komparative Lohnkostenvorteil auf tönernen Füßen. Chinas Großabnehmer in der EU und den USA müssen angesichts angehäufter öffentlicher und privater Schulden auf lange Sicht sparen. Die Obama-Administration will zudem die US-amerikanische Wirtschaft umbauen und kündigte eine Exportoffensive an. Soll nicht die gesamte Weltwirtschaft in eine anhaltende Stagnation getrieben werden, müssen exportorientierte Länder den Abbau ihrer Leistungsbilanzüberschüsse angehen und darüber neue Spielräume für Wachstumsschübe schaffen(Palley 2011). 28 Auch wenn Zeitplan und Tempo der Umsteuerung von Peking sorgfältig kontrolliert werden dürften: an einer bedeutsamen Aufwertung der eigenen Währung und an einer Abkehr von administrativ kontrollierten Wechselkursen 29 wird das Land in den nächsten Jahren kaum vorbeikommen. Der Umsteuerung von einem Akkumulationsmodell, das auf Exportüberschüssen und staatlichen Infrastrukurinvestitionen beruht, zu einem von der Binnennachfrage getragenen Wachstummodell, wird im wirtschaftspolitischen Diskurs in China inzwischen Bedeutung beigemessen. Der Abbau von Handelsüberschüssen 30 und die Ausrichtung des Wirtschaftswachstums auf eine höhere Binnennachfrage bedeutet vor allem eine Anhebung der 28. Dies gilt gleichermaßen für andere starke Exportländer. Weigert sich das Trio China, Deutschland und Japan, schnelle und wirkungsvolle Schritte zum Abbau ihrer Leistungsbilanzüberschüsse zu unternehmen, wird dies wohl letztlich in Handelsprotektionismus münden. Laut»Global Trade Alert« wurden in den letzten beiden Jahren ca. 400 Handelsbeschränkungen errichtet; die meisten von Staaten, die sich 2010 zum G20 Treffen in Seoul trafen und dort für Handelsfreiheit plädierten(Evenett 2010). 29. 2005 gab Peking die feste Bindung an den US-Dollar zunächst auf und wertete den RMB über drei Jahre um rund 20 Prozent auf. Mit Beginn der globalen Finanzkrise wurde der RMB wieder fest an den USDollar gebunden und mit dessen Abwärtstrend nach unten gezogen. Inzwischen wird die Bindung wieder vorsichtig gelockert. Seit Juni 2010 wurde der RMB um rund fünf Prozent aufgewertet. Die neue Diskussion, den RMB in internationalen Tauschgeschäften präsenter zu machen und die ständigen Hinweise in chinesischen Medien, dass der RMB künftig eine tragende Rolle in einem Korb von Leitwährungen spielen soll, deuten darauf hin, dass Einschränkungen im Geld- und Kapitalverkehr nach und nach abgebaut werden. 30. In den letzten Jahren ist der Abbau von Handelsüberschüssen bereits vorangekommen. 2008 lag der Handelsüberschuss noch bei 295 Mrd. US-Dollar, 2009 bei 196 Mrd. US-Dollar und 2010 bei ca. 183 Mrd. USDollar. 9
Druckschrift
Lohnstreiks und Gewerkschaften in China : Ende der Niedriglohnpolitik?
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten