RUDOLF TRAUB-MERZ| LOHNSTREIKS UND GEWERKSCHAFTEN IN CHINA In der Arbeiterschaft vollziehen sich tief greifende soziale Umstrukturierungen. Viele der Streikenden waren jünger als 30 Jahre und entstammen der zweiten Generation von Wanderarbeitern. Sie kamen bereits in den Genuss einer besseren formalen Bildung, verfügen nicht mehr über landwirtschaftliche Kenntnisse und sehen sich nicht mehr als Pendler zwischen den Produktionsweisen. Weil sie dauerhaft in den Städten bleiben wollen, rechnen sie in die Kalkulation ihrer Lebenshaltung solche Reproduktionskosten ein, die bei ihren Eltern noch über die bäuerliche Wirtschaft bestritten wurden. Ihr Verdienst muss nun Ausgaben für Familienunterkunft, Erziehung, Gesundheit und Alterssicherung abdecken, während sie gleichzeitig ein städtisches Konsumverhalten anstreben. Eine Benachteiligung aufgrund der Herkunft ist für sie nicht mehr hinnehmbar. Mit besserer Formalbildung, Kenntnissen zur Bedienung moderner Kommunikationsmittel und dem Bedürfnis, sich städtisch zu verwurzeln, suchen sie nicht nur Festanstellungen mit guten Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten zum individuellen Aufstieg, sondern sind auch bereit, mit kollektiven Aktionen ihre Interessen durchzusetzen. Ihre stärkere Verhandlungsposition wird vom demografischen Trend unterstützt. 2004 meldeten Betriebe in den Exportzonen der Guangdong-Provinz erstmals einen Arbeitskräftemangel; 2010 konnten wiederum viele Stellen nicht besetzt werden. Dahinter verbergen sich nicht nur temporäre Migrationsbewegungen, sondern auch die rasche Alterung der chinesischen Bevölkerung. Die Wende des Bevölkerungswachstums wird zwar erst 2025/30 erreicht sein, durch die EinKind-Politik 11 ist diese für die Erwerbsbevölkerung aber deutlich vorverlegt und gilt bereits jetzt. Auch wenn umstritten bleibt, ob der jährliche Zuwachs an Arbeitsplätzen bereits jetzt das Arbeitskräfteangebot übersteigt, 12 sind die Trends eindeutig: die Erwerbsbevölkerung, für die stellvertretend die Altersgruppe der 15- bis 59-jährigen herangezogen werden kann(vgl. Tabelle 1), nimmt ab, wodurch auch die Zeit des unbegrenzten Nachschubs von Wanderarbeitern zu Ende geht. 11. Die zu Beginn rigoros umgesetzte Ein-Kind-Politik ist inzwischen vielfach aufgeweicht und gilt hauptsächlich noch für städtische Ehepaare. Auf dem Lande dominiert die 2-Kind-Regel, für ethnische Minderheiten gelten großzügigere Bestimmungen. 12. Dies wird primär beeinflusst von der weiteren Freisetzung aus der Landwirtschaft und die Zunahme der Arbeitsproduktivität. Tabelle 1: Bevölkerungszunahme 2000-2050 (in Mio., Medium variant) Jahre / Zunahme Bevölkerung Altersgruppe 15-59 2000-05+ 45,3+ 66,7 2005-10+ 41,9+ 36,9 2010-15+ 41,9+ 5,2 2015-20+ 35,2- 0,007 2020-25+ 22,0- 17,8 2025-30+ 9,3- 32,1 2030-35- 0,1- 28,1 2035-40- 7,3- 12,9 2040-45- 14,8- 25,4 2045-50- 23,2- 47,0 Quelle: Population Division of the Department of Economic and Social Affairs of the United Nations Secretariat, World Population Prospects: The 2008 Revision, http://esa.un.org/unpp. 3. Gewerkschaften in China – Transmissionsriemen, Schlichter oder Interessenvertreter? Chinesische Gewerkschaften waren ab den 1950er Jahren in die Zwänge der zentralistischen Planwirtschaft integriert, richteten ihr Handeln an der Steigerung der betrieblichen Produktion aus und übernahmen Aufgaben in der Verteilung von Sozialleistungen an Belegschaftsangehörige. Lohnverhandlungen waren obsolet und die Arbeitsbeziehungen geprägt durch lebenslange Anstellung für Alle sowie staatlichen Lohndirigismus. Die Radikalreform des öffentlichen Sektors, dem in den Jahren 1995-2002 ca. 50 000 Staatsbetriebe zum Opfer fielen, beendete die sozialistische Beschäftigungspolitik und stürzte den ACGB in eine tiefe Organisationskrise. Der Kahlschlag raubte den Gewerkschaften, die bis dahin nur in Staatsbetrieben vertreten waren, ihren zentralen Verantwortungsbereich und begrub die an die Betriebseinheiten gebundene sozialistische Wohlfahrtspolitik. In nur vier Jahren verlor der ACGB 17 Millionen Mitglieder und stand vor seiner Marginalisierung. 1999 versuchte der ACGB dann die Wende einzuleiten. Angetrieben von der Partei, die in dem nun boomenden Privatsektor keine ausreichende Präsenz hatte, setzte er 4
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Lohnstreiks und Gewerkschaften in China : Ende der Niedriglohnpolitik?
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