RUDOLF TRAUB-MERZ| LOHNSTREIKS UND GEWERKSCHAFTEN IN CHINA privaten Konsumquote. Diese ist über Jahre kontinuierlich gesunken und lag 2009 nur noch bei 35 Prozent (China Statistical Yearbook 2010: 56). Eine Steigerung hängt von der Erhöhung der privaten Kaufkraft ab sowie von der Bereitschaft der Verbraucher, diese für Konsumgüter auszugeben, anstatt zu sparen. Die Sparrate der Privathaushalte liegt mit rund 25 Prozent weit über der von anderen Ländern. Zwei Gründe sind hierfür maßgebend: die Notwendigkeit einer privaten Vorsorge und eine extrem ungleiche Einkommensverteilung. Unter dem Sozialismus maoistischer Prägung hatte das Land eine der ausgeglichensten Einkommensverteilungen weltweit. Heute nähert sich China dem anderen Extrem und nimmt mit einem Gini-Koeffizienten von ca. 0,5 einen internationalen Spitzenplatz ein. Da Reiche und Superreiche vor allem in Vermögenswerten anlegen, muss eine Anhebung der Konsumquote von einer Einkommensumverteilung unterstützt werden. Über den Weg die Konsumquote zu erhöhen, scheint man sich einig zu sein: beschleunigter Ausbau des Sozialstaates und höhere Löhne. Chinesische Haushalte sparen viel, weil sie seit der Auflösung der Volkskommunen und der»Befreiung« der Staatsunternehmen von ihren Sozialpflichten keine tragfähige Renten- oder Krankenversicherung mehr besitzen. 31 Die hohe Sparneigung ist Spiegelbild eines zurückgebliebenen Wohlfahrtsstaates, in dem durch Konsumverzicht private Vorsorge für Lebensrisiken betrieben wird. 32 Der 12. Fünf-Jahresplan(2011-2015) erkennt im Grundsatz die Notwendigkeiten des Kurswechsels an, spricht von inklusivem Wachstum, einem beschleunigten Ausbau des Sozialstaates und einer deutlichen Anhebung der Mindestlöhne. 33 Wie schon mit früheren Fünf-Jahresplänen sollte den Versprechungen auch dieses Mal nicht 31. Von den 778 Mio. Beschäftigten 2009(städtische Beschäftigte: 311 Mio.; ländliche Beschäftigte: 469 Mio.) hatten eine Deckung durch eine Sozialversicherung: Altersversicherung 177 Mio.; Arbeitslosenversicherung: 127 Mio.; Krankenversicherung 164 Mio.; Arbeitsunfallversicherung 149 Mio. Die Versicherungsleistungen sind insgesamt niedrig. Drei Gruppen haben fast keine soziale Absicherung: Landbevölkerung, Wanderarbeiter und Beschäftigte des städtischen Informellen Sektors. Etwa 23 Mio. Städter und 48 Mio. ländliche Bewohner erhalten eine minimum living allowance(China Statistical Yearbook 2010: 903, 910). 32. Dies reflektieren auch Banken, in denen sich enorme Sparanlagen ansammeln(Einlagen-Kredit-Verhältnis 1,5 : 1). 33. Alle ländlichen Bewohner sowie 357 Mio. Städter sollen eine Altersabsicherung erhalten; die Mindestlöhne sollen nicht weniger als 13 Prozent jährlich steigen(Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland 2011). leichtfertig Glauben geschenkt werden(Schucher 2011). Inzwischen baut sich jedoch Widerstand gegen die gesellschaftlichen Missstände auf und der soziale Druck auf Umkehr steigt. Mit wachsender Besorgnis beobachtet die Regierung vor allem die rasch ansteigende Zahl von Massenprotesten, 34 die Angst vor politischer Instabilität schüren. Peking reagiert darauf mit zwei unterschiedlichen Strategien. Von der Bereitschaft zu vorsichtiger politischer Liberalisierung – etwa dem Ausbau von Direktwahlen – scheint seit den»orangenen Revolutionen« in der Ukraine und Kirgisien sowie spätestens den Lhasa-Unruhen von 2008 nicht mehr viel übrig zu sein. Gegen Dissidenten und ihre Forderungen nach politischer Freiheit und Pluralismus geht die Staatsmacht in letzter Zeit in aller Schärfe vor. 35 Anders verhält sich die Parteiführung bei sozialem Widerspruch. Während sie früher repressiv und mit einer kleinlichen legalistischen Sichtweise reagierte, sind die politischen und administrativen Kader nun angewiesen, mit sozial motivierten Unruhen behutsamer umzugehen. Kommt es bei Protesten zu schweren Zusammenstößen mit der Staatsgewalt, müssen verantwortliche Kader inzwischen mit einem Karriereknick bis hin zum Parteiausschluß rechnen. 36 Gegen politische Abweichler reagiert die Staatsmacht mit aller Schärfe, bei sozialen Unruhen setzt sie jedoch vermehrt auf Gesprächsbereitschaft und Kompromiss, um friedliche Lösungen zu finden. 6. Gewerkschaften und Löhne – Wohin treibt die Entwicklung? Was bedeuten diese sozialen und politischen Verschiebungen für Gewerkschaften und Löhne? Der Umgang der Kommunalverwaltungen mit den Lohnstreiks 2010 weicht stark von politischen Antworten auf Arbeiterproteste früherer Jahre ab. 37 Sie verliefen überwiegend 34. Bis 2006 veröffentlichte die Regierung jährliche Angaben über so genannte»mass incidents«(gewaltsame Zusammenstöße mit mindestens drei Beteiligten). 1993 lag die Zahl bei 8 700, bis 2005 hatte sie auf 87 000 zugenommen. Eine Aufschlüsselung nach Ursachen erfolgte nicht. Als Hauptgründe gelten Umweltvergehen, Korruption und schwere Verletzungen des Arbeitsrechts. 35. The Economist war in seinem Urteil eindeutig:»…the latest crackdown on political dissent certainly constitutes the worst since Tiananmen Square in 1989 and its aftermath«(The Economist 16.-22. April 2011: 9). 36. Als die Medien tagelang über die Unruhen im Weng’an Bezirk in der Provinz Guizhou berichteten, wo sich im Juni 2008 20 000 Bewohner gewalttätige Auseinandersetzung mit der Polizei anlässlich des Todes einer Jugendlichen lieferten, sah sich die Parteiführung gezwungen, den lokalen Parteisekretär, Verwaltungsleiter und Polizeichef zu entlassen. 37. Zum Charakter früherer Auseinandersetzungen vgl. z. B. Chan, Anita (2011), die Unterschiede zwischen China und Vietnam aufzeigt. 10
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Lohnstreiks und Gewerkschaften in China : Ende der Niedriglohnpolitik?
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