FES BRIEFING systematische Gewalt anwenden. Insgesamt stellt es für die Gewerkschaften eine herausfordernde und komplizierte Aufgabe dar, Forderungen zu stellen und zu verhandeln. Oftmals blockieren die Unternehmen die Verfahren über Jahre hinweg, sodass die Gewerkschaften gezwungen sind, verschiedene Druckmaßnahmen auszuarbeiten. In den letzten 30 Jahren waren die Tarifverhandlungen nur auf die Betriebsgewerkschaften beschränkt. Der einzige Sektor, in dem derzeit Branchentarifverhandlungen möglich sind, ist das Baugewerbe mit dem Gewerkschaftsverband FTCCP. Die Strategie der Gewerkschaftsverbände besteht allerdings darin, Tarifverhandlungen auf Branchen- und Wirtschaftsebene zu ermöglichen, um die Qualität der Arbeit und der Löhne der lohnabhängigen Bevölkerung verbessern zu können. Was den sozialen Dialog betrifft, besteht mit dem CNTPE eine offizielle dreigliedrige Einrichtung zur Behandlung von Arbeitsfragen. Allerdings werden seine Sitzungen nicht regelmäßig abgehalten und aus dem Austausch folgen nur selten relevante Entscheidungen. Vielmehr wird der CNTPE vor allem dann in Anspruch genommen, wenn eine der Parteien mit einer Regelung, die sie als schädlich für ihre Interessen ansieht, nicht einverstanden ist. Obwohl die Leistung dieses Forums für den sozialen Dialog nicht positiv bewertet werden kann, wurde dieses Gremium von der Regierung zur Überwachung der Einhaltung arbeitsrechtlicher Aspekte des Freihandelsabkommens zwischen Peru und der Europäischen Union bestimmt. Die Informalität hat in Peru drei Formen angenommen: 1) Informelle Beschäftigung in formellen Unternehmen; 2) informelle Beschäftigung in informellen Unternehmen; und 3) informelle Selbstständigkeit oder Freiberuflichkeit. In allen drei Fällen können die Interessen der Beschäftigten nur schwer vertreten werden. Grundsätzlich prangern die Gewerkschaftsverbände die Informalität am Arbeitsplatz an, allerdings sind sie nicht in der Lage, Maßnahmen zur Vertretung des informellen Sektors zu ergreifen. Von der Prekarität und Informalität der Arbeit sind in Peru vor allem Frauen und Jugendliche betroffen, denen somit selbst ein Mindestmaß an Arbeitsrechten verwehrt bleibt. Bei der Vertretung von Frauen sind in der Vergangenheit allerdings Fortschritte zu verzeichnen. So ist die Zahl der weiblichen Führungskräfte gestiegen und Sekretariate für Frauenangelegenheiten oder für die Gleichstellung der Geschlechter wurden eingerichtet. Bei der Interessenvertretung von jungen Arbeitnehmer_innen wurde hingegen nicht derselbe Erfolg erzielt. So bestehen weiterhin ernsthafte Probleme bei der Gewährleistung des Generationenwechsels, während die Gewerkschaften gleichzeitig große Mühe haben, sich auf die neuen Interessen der aktuell bestehenden Vielfalt junger Arbeitnehmer_innen einzustellen. Mobilisierung für arbeits- und sozialpolitische Forderungen ermöglichen. Obwohl die Gewerkschaftsorganisationen als erste Option der Konfliktlösung immer auf den Dialog setzen, zeigt sich in der Praxis, dass sie nur durch Protestmaßnahmen wie Demonstrationen oder Streiks gute Ergebnisse bei der Durchsetzung von Arbeitsrechten oder der Verbesserung von Arbeitsbedingungen erreichen. Im Rahmen ihrer Vertretungsaufgabe haben die Gewerkschaften den Dialog mit verschiedenen politischen Parteien – hauptsächlich der Linken und der Mitte – aufgenommen, um ihre Forderungen in die politische Debatte einzubringen. Diese Ansätze sind allerdings vor allem in Wahlperioden zu erkennen. Zudem versuchen viele Politiker_innen, die Nähe zu den Gewerkschaftsorganisationen zu nutzen, um bei Wahlen Stimmen zu gewinnen oder ihre politische Unterstützung zu vergrößern. Alle Gewerkschaftsorganisationen sind bestrebt, ihre Mitgliederzahl zu erhöhen – angesichts der Vorurteile, die in der peruanischen Gesellschaft gegenüber den Gewerkschaften bestehen, eine schwierige Aufgabe. Die Wahrnehmungen zu verändern und das Image der Gewerkschaften zu verbessern, sind daher Schlüsselaspekte für eine erfolgreiche Strategie der Mitgliedergewinnung in nicht gewerkschaftlich organisierten Sektoren. Darüber hinaus ist die Angst vor Entlassung und Repressalien durch die Arbeitgeber_innen aufgrund einer Gewerkschaftsmitgliedschaft ein weiterer Faktor, den die Gewerkschaften immer wieder als Problem anprangern. Einige Gewerkschaftsorganisationen diskutieren auch innere Reformen als Strategie, um sich in einer globalisierten und zunehmend digitalisierten Realität neu zu erfinden. Infolgedessen verfolgen einige Gewerkschaften derzeit eine stärker gesellschaftspolitisch und weniger unternehmensbezogen ausgerichtete Gewerkschaftsarbeit. Teil der Strategie, um die Kapazitäten und Unterstützung für die Gewerkschaftsarbeit zu stärken, ist der Aufbau einer engeren Beziehung der Dach- und Branchenverbände zu den internationalen Gewerkschaftsorganisationen. So haben die Gewerkschaften, die dem CSA/TUCA angeschlossen sind, ihre internationalen Vertreter_innen wiederholt um eine Stellungnahme gebeten, um Rechtsverletzungen anzuprangern. Die Beziehung des CGTP zum WGB hat sich durch die Teilnahme führender Gewerkschaftsvertreter_innen an internationalen und sektoralen Aktivitäten mittlerweile verstetigt. Was die globalen Gewerkschaftsverbände betrifft, ist die Präsenz im PSI erwähnenswert, der auch über einen nationalen Ausschuss sowie Frauen- und Jugendausschüsse verfügt. Auch UNI Global und IndustriAll unterstützen ihre Mitgliedsorganisationen in Peru. GEWERKSCHAFTEN UND IHR(POLITISCHES) GEWICHT Trotz des Rückgangs der Arbeitnehmer_innenbeteiligung in den Gewerkschaften bilden diese nach wie vor die wichtigsten sozialen Basisorganisationen in Peru, da sie die soziale Die Beziehungen zu Gewerkschaftsorganisationen in anderen Ländern sind hingegen begrenzt. Sie werden allerdings durch die im Land durchgeführten Kooperationsprojekte gestärkt, in deren Rahmen beispielsweise die Präsenz der belgischen FOS(Solidaritätsorganisation der sozialistischen Bewegung in Flandern) oder der niederländischen Gewerk7
Jahrgang
2025
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten