Jahrgang 
2025
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FES BRIEFING er von neun Prozent für Unternehmen mit dem Ziel einge­führt, einen Fond zu schaffen, der die Renten aufbessern sollte. Die Renten haben sich allerdings nicht erhöht. 2017 ging aus der Fusion verschiedener staatlicher Förderpro­gramme(Misiones) die»Gran Misión Chamba Juvenil« her­vor, ein zeitweise auch international unterstütztes Pro­gramm zur beruflichen Ausbildung und Schaffung von Ar­beitsplätzen für junge Menschen bis 35 Jahre. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Die Wirtschaft ist im Vergleich zu den akuten Krisenjahren 2014–2016 relativ stabil, seit die Regierung den Wechselkurs freigegeben, den Dollar als inoffizielles Zahlungsmittel zuge­lassen und mit verschiedenen Maßnahmen die Privatwirt­schaft dereguliert hat. Der zwischenzeitliche wirtschaftliche Aufschwung Anfang 2023 kam zum Erliegen. Versuche der Regierung, die Wirtschaft durch die Einrichtung von Sonder­wirtschaftszonen nach chinesischem oder vietnamesischem Vorbild anzukurbeln, waren bisher nicht erfolgreich. Wirt­schaftlich hat Venezuela die COVID-19-Pandemie glimpflich überstanden. Anfang 2025 stieg die Ölförderung erstmals wieder auf das Niveau von 2019. Das Wirtschaftswachstum beträgt 6,1 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt ist um fünf Prozent gestiegen und steht damit im lateinamerikanischen Vergleich an zweiter Stelle(2024, Cepal/PNUD). Die moderat positiven Tendenzen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Infrastruktur besonders der Ölindustrie aber auch der Elektrizitätskraftwerke marode ist, was immer wieder zu Stromausfall und Unfällen führt. Der wichtigste Absatz­markt für venezolanisches Öl(USA), steht nicht erst seit der Trump-Regierung in Frage. Durch die Sanktionen ist der Zu­gang zum US-amerikanischen Markt zumindest einge­schränkt. Ob sich zukünftig andere Märkte erschließen las­sen, ist offen. Für Venezuela stellt sich grundsätzlich die Fra­ge, ob und wieviel es in marode Förderanlagen investiert oder ob nicht die desolate Situation ein Anreiz sein kann, schrittweise den Energie-Mix zu diversifizieren. Zukunfts­weisend sind privatwirtschaftliche Investitionen in Winde­nergie, wie sie Siemens Energy im Verbund mit der deutsch-venezolanischen Handelskammer an der Küste tä­tigt. Die Sanktionen der USA und der EU werden von der Re­gierung immer wieder als Grund für die schwierige Wirt­schaftslage herangezogen. Der Kern und damit auch die Lö­sung des Übels liegen allerdings im Land selbst. Die Inflation bleibt mit 26 Prozent hoch(2024, PNUD), befin­det sich aber auf dem niedrigsten Stand seit 2013. Lebens­mittel, Kleidung, Miete sind entsprechend teuer, die Löhne sind nicht auskömmlich. Selbst Lehrer_innen können nicht von ihrem Gehalt leben. Die arbeitende Bevölkerung hält sich mit mehreren Jobs über Wasser. Etwa 20 Prozent der ar­beitenden Bevölkerung sind im öffentlichen Sektor ange­stellt, 22 Prozent im Privatsektor und 48 Prozent arbeiten selbstständig(ENCOVI 2023). Zwischen 2018–2023 ist jedes Jahr etwa eine Million Venezolaner_innen ausgewandert. Das bedeutet nicht nur einen Brain-Drain für das Land, son­dern auch zurückgelassene Familienangehörige, die auf die Rücküberweisungen angewiesen sind und auf die Entfer­nung versorgt werden müssen. Insbesondere der Dienstleis­tungssektor entwickelt sich dynamisch, er umfasst die Pfle­ge von Kindern und Älteren, Reinigungskräfte, Transport, Geld-Transfer, Einzelhandel und Nahversorgung. Verschiedene UN-Organisationen wie das Weltentwicklungs­programm, UN Women, UNICEF oder die Internationale Or­ganisation für Geflüchtete sind in Venezuela aktiv, ebenso humanitäre Organisationen wie Caritas. Ihre Arbeit ist beson­ders in den ländlichen und Grenzregionen des Landes not­wendig, wo die wirtschaftliche und soziale Realität noch schwieriger ist als in der Hauptstadt Caracas. Diese Arbeit ist durch den Wechsel in der US-Regierung massiv gefährdet. Werden die Ankündigungen Trumps, sich aus internationalen Verpflichtungen zurückzuziehen, umgesetzt, wären die meis­ten Hilfsprogramm gefährdet, die überwiegend über die UN aber mit USA-amerikanischem Geld finanziert werden. Auch die Abschiebungen von venezolanischen Einwander_innen aus den USA nach Venezuela hat neben der humanitären ei­ne wirtschaftliche Dimension: Sollte es wirklich zu Abschie­bungen größeren Ausmaßes kommen bislang waren es drei Flugzeuge(März 2025), hat das Auswirkungen auf die Rücküberweisungen, die wesentlich zum Unterhalt vieler Ve­nezolaner_innen im Land beitragen. Nachdem im Januar 2025 die Förderlizenz noch stillschweigend verlängert wurde, kündigte zwei Monate später die US-Regierung überra­schend den Ausstieg aus der Ölförderung in Venezuela an. Ein herber Schlag für die venezolanische Regierung, die sich nach einem ersten Treffen mit dem Sonderbeauftragten Richard Grenell noch positiv ob eines konstruktiven Verhält­nisses mit den USA gezeigt hatte. Angesichts des unkalkulier­baren Agierens der Trump-Regierung muss abgewartet wer­den, ob diese Entscheidung schlussendlich umgesetzt wird. GEWERKSCHAFTSPOLITISCHER KONTEXT In der venezolanischen Verfassung von 1999 werden zahlrei­che Arbeitnehmer_innenrechte garantiert, und auch das 2012 in Kraft getretene Gesetz zu den Arbeitsbeziehungen (LOTTT) erscheint auf den ersten Blick arbeitnehmer_innen­freundlich zu sein. Es beinhaltet u.a. die Verkürzung der Pro­bezeit bis zur Festanstellung, den Wegfall von Kündigungs­möglichkeiten und die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Mit dem Gesetz wurde allerdings auch die Gewerkschafts­freiheit und-autonomie zugunsten staatlicher Interventions­möglichkeiten beschnitten. Die Einführung der sogenannten Arbeiter_innenräte reduziert in der Praxis die Kompetenzen der Gewerkschaften. Über den nationalen Wahlrat Consejo Nacional de Elecciones und diverse Regulierungsmechanis­men verfügt die Regierung zudem über wirksame Instrumen­te, gewerkschaftliche Versammlungen, Wahltermine oder Wahlergebnisse zu genehmigen, anzuerkennen oder zu ne­gieren. Die repressiven Maßnahmen der Regierung behin­dern auch die Arbeit unabhängiger Gewerkschaften in Vene­zuela und haben zu ihrer Schwächung und Spaltung beigetra­gen. Neben politischen Gefangenen sitzen auch Gewerk­schafter_innen für ihren Einsatz für Arbeitnehmer_innenrech­te im Gefängnis. Davon liegen drei Fälle der Internationalen Arbeitsorganisation als Beschwerden vor. All dies, die Migra­2