FES BRIEFING tion und der Rückgang der formellen Beschäftigung haben die Gewerkschaftsbewegung in Venezuela stark geschwächt. Sie ist der Arbeitgeberseite, die inzwischen zum Teil gute Arbeitskontakte mit der Regierung unter Maduro unterhält, hoffnungslos unterlegen, aber in Bezug auf die Forderung nach einem tripartiten Sozialdialog auch eine Verbündete. Venezuela hat fast alle ILO-Kernarbeitsnormen ratifiziert. Seit Ende der 1990er Jahre hat in Venezuela kein sozialer Dialog mehr stattgefunden. Das ist einer von vielen Verstößen gegen die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation(IAO), die eine Untersuchungskommission der IAO im Jahr 2019 festgestellt hatte. Solche Untersuchungskommissionen sind sehr selten. In der Geschichte der IAO wurde dieses Instrument erst zwölf Mal eingesetzt. Um einem Ausschluss aus der Organisation vorzubeugen, hat die venezolanische Regierung Dreiparteienverhandlungen unter Aufsicht der IAO zugestimmt. Seit März 2022 haben vier Verhandlungen zu den Themen Gewerkschaftsfreiheit, gesetzlicher Mindestlohn und sozialer Dialog stattgefunden. Dieser vielversprechende Prozess kam zum Erliegen als im November 2023 eine ständige Präsenz der IAO in Caracas zum Nachhalten der Vereinbarungen eingerichtet werden sollte. Dies lehnte die venezolanische Regierung als Einmischung ab. Im März 2025 stand Venezuela mit den Verstößen gegen die Konventionen 26(Mechanismus zur Festlegung des Mindestlohns), 87 (Recht auf gewerkschaftliche Organisation) und 144(Tripartiter Sozialdialog) wieder auf der Tagesordnung der Generalversammlung der IAO. Sowohl die Arbeitgeberverbände FEDECAMARA und FEDEINDUSTRIA als auch der vertretende Gewerkschaftsdachverband CTASI kritisieren den Bericht der Regierung einmütig in ihren Stellungsnahmen. Vertrer_innen sowohl der Arbeitgeber_innen, der Arbeitnehmer_innen als auch Regierungen(inkl. vermeintlich Verbündeter wie Kuba, China oder Iran) stimmten gemeinsam für eine»technische Unterstützung« in Form eines Entsandten der IAO nach Caracas. Ein weiteres Beispiel, wie sich Venezuela auf internationalem Parkett weiter isoliert. Demonstrationen wie im Jahr 2023 als Lehrkräfte, andere Beschäftigte des öffentlichen Sektors und Rentner_innen für eine Erhöhung des Mindestlohnes auf die Straße gingen, haben sich nicht verstetigt. Allerdings haben sich Berufsgruppen teilweise erfolgreich gegen Maßnahmen, die ihre Einkünfte einschränkten, gewehrt: So protestierten Mitarbeitende der Transport- und Liefer-Plattformen Yummy(2023) gegen die Einführung eines Bezahlsystems, nachdem die Kundschaft hätte entscheiden können, wieviel ihr die Dienstleistung wert war. 2024 blockierten Fahrer der Plattform Ridery solange die Straßen der Stadt San Diego, bis die Regierung die geplante Einführung einer Steuer von einem Prozent pro Transportleistung zurücknahm. Dies geschah nach einem Treffen der wichtigsten Lieferplattformen Anfang des Jahres 2024 mit der Vize-Präsidentschaft wobei die Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppen zu Arbeit und Sicherheit vereinbart wurde. Forderungen, die nicht mit massiven Blockaden einhergehen, bleiben allerdings ohne Folgen. Öffentlicher Protest konzentriert sich im Jahr 2025 auf die Menschenrechtslage und hier besonders auf die Situation der willkürlich verhafteten Personen. GEWERKSCHAFTEN IN VENEZUELA – FAKTEN UND DATEN HISTORISCHE ASPEKTE Nach dem Ende der Diktatur von Juan Vicente Gómez 1936 begannen sich in Venezuela erste Gewerkschaften zu bilden, zunächst im Wesentlichen Betriebsgewerkschaften im Erdölsektor, die unter dem ersten Arbeitsgesetz in der Geschichte des Landes stark vom Staat kontrolliert wurden. Branchengewerkschaften waren verboten. Mit dem ersten demokratischen Anlauf Venezuelas wurde 1947 der Dachverband Confederación de Trabajadores de Venezuela(CTV) gegründet, der sich stark im Kampf gegen Venezuelas letzte Militärdiktatur engagierte. Nach einem Versuch, dieses Regime durch einen unbefristeten Generalstreik zu stürzen, wurde er 1948 verboten. 1958 nach dem Ende der Militärdiktatur sofort wieder gegründet, war CTV eine der Säulen der Demokratie des Landes und eng mit der sozialdemokratischen Partei Acción Democrática verbunden, die über Jahrzehnte die politische Entwicklung Venezuelas mitbestimmte, inzwischen aber ihre Bedeutung weitgehend verloren hat. Am Ende der 1970er Jahre, auf dem Höhepunkt seiner Macht, gehörten 40 Prozent der gegen Entgelt Beschäftigten dem CTV an. Gewerkschaften gab es jedoch fast nur in größeren Betrieben mit über 100 Beschäftigten. In den 1990er Jahren wurden immerhin 17 kollektive Tarifverträge abgeschlossen – heute gibt es keinen einzigen mehr. Nach der Wahl von Hugo Chávez gehörte der CTV zu den Hauptgegnern des Regimes und war 2002, zusammen mit dem Arbeitgeberverband FEDECAMERAS, treibende Kraft eines nur knapp gescheiterten Umsturzversuches. Von da an setzte eine starke Verfolgung ein: Seine Mitglieder wurden inhaftiert, die Gebäude enteignet. Davon hat sich der CTV nie wieder erholt. Nach den Vorstellungen des Chavismus braucht es keine Gewerkschaften; Arbeiter_ innen sollen in Form von Ratsmitgliedern in den Betrieben die »Transmissionsriemen der Revolution« darstellen. Ab 2003 war es Strategie der Regierung, zumindest unter öffentlich Beschäftigten, parallele Gewerkschaften zu gründen, und nur diese wurden an Tarifverhandlungen beteiligt. Dem CTV gehören deshalb heute überwiegend nur noch sehr betagte Beschäftigte oder Rentner_innen an. Auf Bundesebene überwarf sich der erste unter Chávez gegründete Gewerkschaftsverband mit dem CTV, sein Nachfolger ist der 2011 begründete Verband Central Bolivariana Socialista de Trabajadores (CBST). Seine Mitglieder sind überwiegend Beschäftigte des öffentlichen Sektors und der Erdölindustrie. GEWERKSCHAFTSLANDSCHAFT Einer FES-Studie vom August 2019 zufolge 1 sind ein Großteil der heutigen Gewerkschaften in Venezuela Neugründungen der chavistischen Zeit(53 Prozent wurden nach 1999 1 https://library.fes.de/pdf-files/bueros/caracas/16669.pdf. Allerdings hat die Studie nur eine beschränkte Aussagekraft, da die Krise und die politische Situation in Venezuela die Durchführung behinderten; so war es beispielsweise nicht möglich, mit allen Regionen des Landes in Kontakt zu kommen. 3
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2025
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