FES BRIEFING des Multimillionärs und Bananen- und Logistikunternehmers Álvaro Noboa, war seit Beginn von der sich verschlechternden Sicherheitslage sowie einer sozialen und wirtschaftlichen Krise geprägt. Nach Gefängnisausbrüchen von Anführern verschiedener Drogenbanden und der Stürmung einer Fernseh-Live-Sendung durch Mitglieder von Drogenbanden rief der Präsident am 9. Januar 2024 den»internen bewaffneten Krieg« aus, womit das Militär die Führung bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität übernahm sowie zahlreiche Drogenbanden als terroristische Organisationen deklariert, Versammlungsrechte eingeschränkt und nächtliche Ausgangssperren eingeführt wurden. Trotz geringer konkreter Regierungserfolge in der verkürzten Amtsperiode konnte sich Noboa mit seinem harten sicherheitspolitischen Kurs als»Law-and-Order«-Politiker und Kämpfer gegen die erstarkende organisierte Kriminalität präsentieren. So erreichte er 2025 die Wiederwahl. Übertritte von Abgeordneten aus dem Oppositionslager bescherten ihm außerdem eine Mehrheit in der Nationalversammlung, die er für eine Vertiefung der Austeritätspolitik und das Durchsetzen von fünf umstrittenen wirtschaftlichen Eilgesetzen nutze. Diese beinhalten eine Vielzahl von Reformen, die Verfassungs-, Menschen-, Arbeits- und Gewerkschaftsrechte beeinträchtigen und von zivilgesellschaftlichen Organisationen in Form und Inhalt scharf kritisiert wurden. Positiv sind dagegen die Erfolge von Gewerkschaftsbewegung und Zivilgesellschaft bei den von der Regierung 2024 und 2025 initiierten Volksabstimmungen hervorzuheben, mit denen grundsätzliche Änderungen im Arbeitsrecht(Arbeitsverträge auf Stundenbasis und Prekarisierung) und der als fortschrittlich geltenden Verfassung von 2008 angestrebt wurden. Dank der Mobilisierung einer breiten gesellschaftlichen Allianz aus Gewerkschaften, Parteien und sozialen Organisationen wurden diese rechtlichen Rückschritte durch das Volksvotum abgewendet. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Die ecuadorianische Wirtschaft ist überwiegend auf den Export von Primärgütern ausgerichtet. Eine wesentliche industrielle Basis besteht nicht. Aufgrund der Dollarisierung ist der Dienstleistungssektor auf den nationalen Markt ausgerichtet. Zu den wichtigsten Exportprodukten zählen vor allem fossile und agroindustrielle Güter wie Erdöl(und Derivate), Garnelen, Bananen, Bergbau(-produkte), Fischkonserven und Blumen. Diese Fokussierung der Wirtschaft spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt wider: 30,5 Prozent der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft, Viehzucht, Jagd, Forstwirtschaft und Fischerei beschäftigt, 18 Prozent im Handel, 10,6 Prozent im verarbeitenden Gewerbe(einschließlich Erdölraffination), 6,6 Prozent im Hotel- und Gastronomiegewerbe, je 6,1 Prozent im Baugewerbe sowie im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen und 5,6 Prozent im Bereich Verkehr. Die Corona-Pandemie führte zum größten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts(BIP) in der Wirtschaftsgeschichte Ecuadors. Obwohl die Weltbank für 2025 ein über dem regionalen Durchschnitt liegendes Wachstum von 3,2 Prozent projiziert, konnten sich die Wachstumswerte bisher noch nicht auf das Vor-Pandemieniveau stabilisieren. Gleichzeitig gilt Ecuador weiterhin als hoch verschuldet(67 Prozent des BIP, 2025), – trotz massiver Kürzungen bei öffentlichen Leistungen. Das Fiskaldefizit erhöhte sich 2025 noch einmal deutlich im Vergleich zum Vorjahr auf mehr als 5.300 Millionen USD, was ca. fünf Prozent des BIP entsprechen dürfte. Aufgrund der geringen Diversifizierung der Wirtschaft bleiben die Staatsfinanzen abhängig von den Rohstoff- und insbesondere den Erdölpreisen, dem wichtigsten Exportgut des Landes. Infolgedessen ist Ecuador der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten weiterhin verschlossen, sodass sich das Land über Kreditprogramme multilateraler Geber wie des IWF refinanzieren muss. Damit ist der Handlungsspielraum der Regierung begrenzt und der Druck, strukturelle Reformen umzusetzen, bleibt bestehen. Im Arbeitsmarkt sind Unterbeschäftigung und informelle Beschäftigung große strukturelle Probleme, die sich im Zuge der Corona-Pandemie weiter verschärft haben. Offiziellen Statistiken zufolge galten 2024 52,37 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung als informell beschäftigt und 21,01 Prozent als unterbeschäftigt. Bei der jungen Bevölkerung war nur etwas weniger als ein Drittel(31 Prozent) 2024 voll sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Der Arbeitsmarkt hat sich nach wie vor nicht von den Effekten der Pandemie erholt. Dies ist neben der Wirtschaftsentwicklung auch auf die gesetzlich gestützte Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen während der Pandemie zurückzuführen, die zu einem Rückgang der Vollzeitbeschäftigung und zum Anwachsen nicht sozialversicherter Unterbeschäftigung sowie des informellen Sektors führte. Im Vergleich zum Jahr 2019 sind 3,37 Prozent weniger Arbeiter_innen im Sozialversicherungssystem registriert. Trotz leichter Erholung seit der Pandemie bleiben die Vor-Pandemie-Werte hier ebenfalls unerreicht. Hinzu kommt, dass das Sozialversicherungssystem in Ecuador, das Gesundheit, Rente und Arbeitslosenversicherung umfasst, hoch verschuldet ist und Qualität und Umfang der Leistungen in den letzten Jahren deutlich abgenommen haben. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit(3,75 Prozent in 2025) in den letzten Jahren ist auch auf den Anstieg der Emigration von Ecuadorianer_innen ins Ausland zurückzuführen, vor allem nach Nordamerika. Allein für den Zeitraum 2021–2025 haben nach Schätzungen der Internationalen Migrationsorganisation(IMO) 125 000 Menschen das Land verlassen, insbesondere aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation und der Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Damit hat auch die Anzahl der Erwerbssuchenden abgenommen. Junge Menschen sind besonders von den fehlenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt betroffen. Laut nationalem Statistikinstitut INEC erreichte die Arbeitslosigkeit unter den 15-25Jährigen im Juli 2025 41,9 Prozent. Die soziale Krise Ecuadors spiegelt sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt, sondern auch in den Statistiken zur Armut und Einkommensverteilung wider. Armut, extreme Armut und Einkommensungleichheit haben in der Corona-Pandemie neue 2
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