Heft 
2026
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FES BRIEFING des Multimillionärs und Bananen- und Logistikunternehmers Álvaro Noboa, war seit Beginn von der sich verschlechternden Sicherheitslage sowie einer sozialen und wirtschaftlichen Kri­se geprägt. Nach Gefängnisausbrüchen von Anführern ver­schiedener Drogenbanden und der Stürmung einer Fern­seh-Live-Sendung durch Mitglieder von Drogenbanden rief der Präsident am 9. Januar 2024 den»internen bewaffneten Krieg« aus, womit das Militär die Führung bei der Bekämp­fung der organisierten Kriminalität übernahm sowie zahlrei­che Drogenbanden als terroristische Organisationen dekla­riert, Versammlungsrechte eingeschränkt und nächtliche Ausgangssperren eingeführt wurden. Trotz geringer konkreter Regierungserfolge in der verkürzten Amtsperiode konnte sich Noboa mit seinem harten sicher­heitspolitischen Kurs als»Law-and-Order«-Politiker und Kämpfer gegen die erstarkende organisierte Kriminalität prä­sentieren. So erreichte er 2025 die Wiederwahl. Übertritte von Abgeordneten aus dem Oppositionslager bescherten ihm außerdem eine Mehrheit in der Nationalversammlung, die er für eine Vertiefung der Austeritätspolitik und das Durchsetzen von fünf umstrittenen wirtschaftlichen Eilgeset­zen nutze. Diese beinhalten eine Vielzahl von Reformen, die Verfassungs-, Menschen-, Arbeits- und Gewerkschaftsrechte beeinträchtigen und von zivilgesellschaftlichen Organisatio­nen in Form und Inhalt scharf kritisiert wurden. Positiv sind dagegen die Erfolge von Gewerkschaftsbewe­gung und Zivilgesellschaft bei den von der Regierung 2024 und 2025 initiierten Volksabstimmungen hervorzuheben, mit denen grundsätzliche Änderungen im Arbeitsrecht(Arbeits­verträge auf Stundenbasis und Prekarisierung) und der als fortschrittlich geltenden Verfassung von 2008 angestrebt wurden. Dank der Mobilisierung einer breiten gesellschaftli­chen Allianz aus Gewerkschaften, Parteien und sozialen Or­ganisationen wurden diese rechtlichen Rückschritte durch das Volksvotum abgewendet. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Die ecuadorianische Wirtschaft ist überwiegend auf den Ex­port von Primärgütern ausgerichtet. Eine wesentliche indust­rielle Basis besteht nicht. Aufgrund der Dollarisierung ist der Dienstleistungssektor auf den nationalen Markt ausgerichtet. Zu den wichtigsten Exportprodukten zählen vor allem fossile und agroindustrielle Güter wie Erdöl(und Derivate), Garnelen, Bananen, Bergbau(-produkte), Fischkonserven und Blumen. Diese Fokussierung der Wirtschaft spiegelt sich auch im Ar­beitsmarkt wider: 30,5 Prozent der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft, Viehzucht, Jagd, Forstwirtschaft und Fische­rei beschäftigt, 18 Prozent im Handel, 10,6 Prozent im verar­beitenden Gewerbe(einschließlich Erdölraffination), 6,6 Pro­zent im Hotel- und Gastronomiegewerbe, je 6,1 Prozent im Baugewerbe sowie im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswe­sen und 5,6 Prozent im Bereich Verkehr. Die Corona-Pandemie führte zum größten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts(BIP) in der Wirtschaftsgeschichte Ecuadors. Obwohl die Weltbank für 2025 ein über dem regi­onalen Durchschnitt liegendes Wachstum von 3,2 Prozent projiziert, konnten sich die Wachstumswerte bisher noch nicht auf das Vor-Pandemieniveau stabilisieren. Gleichzeitig gilt Ecuador weiterhin als hoch verschuldet(67 Prozent des BIP, 2025), trotz massiver Kürzungen bei öffentlichen Leis­tungen. Das Fiskaldefizit erhöhte sich 2025 noch einmal deut­lich im Vergleich zum Vorjahr auf mehr als 5.300 Millionen USD, was ca. fünf Prozent des BIP entsprechen dürfte. Auf­grund der geringen Diversifizierung der Wirtschaft bleiben die Staatsfinanzen abhängig von den Rohstoff- und insbeson­dere den Erdölpreisen, dem wichtigsten Exportgut des Lan­des. Infolgedessen ist Ecuador der Zugang zu den internatio­nalen Kapitalmärkten weiterhin verschlossen, sodass sich das Land über Kreditprogramme multilateraler Geber wie des IWF refinanzieren muss. Damit ist der Handlungsspielraum der Regierung begrenzt und der Druck, strukturelle Reformen umzusetzen, bleibt bestehen. Im Arbeitsmarkt sind Unterbeschäftigung und informelle Be­schäftigung große strukturelle Probleme, die sich im Zuge der Corona-Pandemie weiter verschärft haben. Offiziellen Statisti­ken zufolge galten 2024 52,37 Prozent der erwerbstätigen Be­völkerung als informell beschäftigt und 21,01 Prozent als un­terbeschäftigt. Bei der jungen Bevölkerung war nur etwas we­niger als ein Drittel(31 Prozent) 2024 voll sozialversicherungs­pflichtig beschäftigt. Der Arbeitsmarkt hat sich nach wie vor nicht von den Effekten der Pandemie erholt. Dies ist neben der Wirtschaftsentwicklung auch auf die gesetzlich gestützte Pre­karisierung von Arbeitsverhältnissen während der Pandemie zurückzuführen, die zu einem Rückgang der Vollzeitbeschäfti­gung und zum Anwachsen nicht sozialversicherter Unterbe­schäftigung sowie des informellen Sektors führte. Im Vergleich zum Jahr 2019 sind 3,37 Prozent weniger Arbei­ter_innen im Sozialversicherungssystem registriert. Trotz leich­ter Erholung seit der Pandemie bleiben die Vor-Pandemie-Wer­te hier ebenfalls unerreicht. Hinzu kommt, dass das Sozialver­sicherungssystem in Ecuador, das Gesundheit, Rente und Ar­beitslosenversicherung umfasst, hoch verschuldet ist und Qualität und Umfang der Leistungen in den letzten Jahren deutlich abgenommen haben. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit(3,75 Prozent in 2025) in den letzten Jahren ist auch auf den Anstieg der Emigration von Ecuadorianer_innen ins Ausland zurückzuführen, vor al­lem nach Nordamerika. Allein für den Zeitraum 2021–2025 haben nach Schätzungen der Internationalen Migrationsor­ganisation(IMO) 125 000 Menschen das Land verlassen, ins­besondere aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situati­on und der Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Damit hat auch die Anzahl der Erwerbssuchenden abgenommen. Junge Menschen sind besonders von den fehlenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt betroffen. Laut nationalem Statistikin­stitut INEC erreichte die Arbeitslosigkeit unter den 15-25Jäh­rigen im Juli 2025 41,9 Prozent. Die soziale Krise Ecuadors spiegelt sich nicht nur auf den Ar­beitsmarkt, sondern auch in den Statistiken zur Armut und Einkommensverteilung wider. Armut, extreme Armut und Ein­kommensungleichheit haben in der Corona-Pandemie neue 2