Heft 
2026
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FES BRIEFING GEWERKSCHAFTEN UND IHRE KERNAUFGABEN In Ecuador erkennt das Arbeitsministerium nur die gewerk­schaftliche Organisation auf Unternehmensebene an, sodass der soziale Dialog und Tarifverhandlungen prinzipiell auf die­se Ebene beschränkt sind. Zudem können nicht alle Gewerk­schaftsorganisationen Kollektivverhandlungen führen. Die Artikel 221 und 512 des Arbeitsgesetzbuches ermächtigen nur Betriebsräte und, falls diese nicht vorhanden sind, Son­derkomitees. Der Betriebsrat ist die einzige Organisation, die laut Arbeitsgesetzbuch(Artikel 461.2) das Mandat besitzt, im Falle von kollektiven Arbeitskonflikten zu intervenieren. Der soziale Dialog kann zwar von jeder Arbeitnehmer_innenorga­nisation beantragt werden, aber nur die mit dem Betriebsrat getroffenen Vereinbarungen kommen auch allen Arbeitneh­mer_innen des Unternehmens zugute. Dadurch dass keine Studien über die Auswirkungen von Tarif­verhandlungen auf die Löhne auf Unternehmensebene exis­tieren, ist der Erfolg der Gewerkschaften in Ecuador nur schwer messbar. Wichtig ist allerdings, dass im Falle der Nicht­einhaltung des gesamten oder eines Teils des Tarifvertrags der jeweilige(Unternehmens-)Betriebsrat eine Petition einleiten kann(Art. 468, Arbeitsgesetzbuch). Die Bearbeitung dieser Petition dauert in der Regel jedoch zwischen einem und fünf Jahren, womit Verstöße durch Arbeitgeber zumindest für die­sen Zeitraum nicht geahndet werden und somit straffrei er­folgen. Der nationale und sektorenweite Mindestlohn wird jährlich auf nationaler Ebene durch den Nationalen Rat für Arbeit und Löhne(Consejo Nacional de Trabajo y Salarios) ausgehandelt, einem dreigliedrigen Gremium, das sich aus den repräsenta­tivsten Arbeitnehmer_innenorganisationen, den Arbeitgeber­kammern und dem Arbeitsministerium zusammensetzt. Die Auswahl der als repräsentativ erachteten Arbeitnehmer_in­nenorganisationen durch das Arbeitsministerium erfolgt al­lerdings arbiträr und weitestgehend willkürlich, wodurch oft­mals regierungsnahe Dachgewerkschaften bevorzugt wer­den(Ministerialverordnung Nr. MDT-2015-0240). Die Dachor­ganisation FUT ist von der Lohn- und Arbeitspolitik ausge­schlossen. Im Jahr 2022 stellte sie daher die Legitimation der Gewerkschaftsdachverbände, die an der Internationalen Ar­beitskonferenz der ILO als Vertreter der ecuadorianischen Ar­beitnehmer_innen teilnahmen, infrage. Trotz zahlreicher Reformvorschläge und im Gegensatz zu an­deren Ländern der Region ist die Strategie der Gewerkschaf­ten in Ecuador nicht darauf ausgerichtet, Arbeiter_innen zu vertreten, die nicht zu den formell Beschäftigten zählen. Auch aufgrund ihrer strukturellen Schwäche gilt ihr prinzipielles In­teresse der Vertretung von Arbeitnehmer_innen in abhängi­gen Beschäftigungsverhältnissen informelle und selbststän­dige Arbeitnehmer_innen finden in der Gewerkschaftsbewe­gung hingegen kaum Gehör. Zudem ist die Gewerkschaftsbewegung in Ecuador überwie­gend männlich und von älteren Männern in Führungspositio­nen geprägt. Interessen der Jugend werden so nicht wirksam vertreten. Maßnahmen zur Förderung oder internen Imple­mentierung der Geschlechtergerechtigkeit werden, wenn überhaupt, nicht nachhaltig umgesetzt. Bezeichnend ist, dass die FUT erstmals im Jahr 2023 eine Frau als Präsidentin er­nannt hat. Eine Ausnahme bildet die nationale Gewerkschaft der Haus­angestellten und verwandter Berufe(Unión Nacional de Tra­bajadoras Remuneradas del Hogar y Afines, UNTHA) des Dachverbands CEOSL. Sie ist eine der wenigen Branchenge­werkschaften mit überwiegend weiblichen Mitgliedern und einer gewissen Inzidenz in der öffentlichen Diskussion um die Arbeitsmarktpolitik, insbesondere mit Bezug auf Hausange­stellte. Beispielhaft ist ihre Forderung für eine menschenwür­dige Arbeit für bezahlte Hausangestellte. GEWERKSCHAFTEN UND IHR(POLITISCHES) GEWICHT Seit den 1980er-Jahren haben die Gewerkschaften in der po­litischen Dynamik Ecuadors erheblich an Bedeutung einge­büßt. Maßgeblich hierfür ist der auch im regionalen Vergleich sehr niedrige gewerkschaftliche Organisationsgrad von ca. 3,32 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Darüber hinaus ist der Verlust der Organisationsmacht auf gewerkschaftsfeindliche Praktiken von Unternehmen und teilweise auch der Regierun­gen sowie auf die Reformen zur Arbeitsmarktflexibilisierung der letzten Jahre zurückzuführen. Aufgrund dieser Tatsache haben die Gewerkschaften in Ecua­dor einen äußerst geringen institutionellen und außerinstitu­tionellen politischen Einfluss. Zwar unterhält die FUT Verbin­dungen zu Parteien wie der PK, der PS–FA oder der Unidad Popular(UP), während das PLE Verbindungen zur correisti­schen RC pflegt und die CUT sich der jeweiligen Regierung nahe zeigt, jedoch haben diese Verbindungen weder zu be­deutenden arbeitnehmer_innenfreundlichen Reformen ge­führt noch es ermöglicht, wichtige politische Diskurse für die Verbesserung der Arbeitswelt in Ecuador anzustoßen. Der soziale Dialog in Ecuador ist weitgehend dysfunktional. Insbesondere im Bereich der Wirtschafts- und Arbeitsmarkt­politik ist eine Kooptation des ecuadorianischen Staates durch die wirtschaftlichen Eliten des Landes festzustellen. Dies gilt vor allem für das Arbeitsministerium, dem die Auf­sicht über die Einhaltung der Arbeitsgesetze unterliegt. Dies erklärt die systematische Schwächung der Arbeitsaufsicht (u. a. verantwortlich für Inspektionen in Unternehmen und Sektoren), die Instrumentalisierung der Regulierungsbehör­den zugunsten der Interessen der Arbeitgeber, das Fortbeste­hen gewerkschaftsfeindlicher Praktiken sowie die Bestrebun­gen zu einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitsmarkpolitik. Zudem wurde von einigen Regierungen versucht, die Ge­werkschaftsorganisationen zu kooptieren, was zu einer wei­teren Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung und zur Legitimierung regressiver Maßnahmen in Bezug auf die Ar­beitsrechte geführt hat. Die Gewerkschaften leiden unter einer geringen Akzeptanz in der ecuadorianischen Gesellschaft. Den gewerkschaftli­chen Führungspersönlichkeiten mangelt es zudem an Legiti­7