FES BRIEFING GEWERKSCHAFTEN UND IHRE KERNAUFGABEN In Ecuador erkennt das Arbeitsministerium nur die gewerkschaftliche Organisation auf Unternehmensebene an, sodass der soziale Dialog und Tarifverhandlungen prinzipiell auf diese Ebene beschränkt sind. Zudem können nicht alle Gewerkschaftsorganisationen Kollektivverhandlungen führen. Die Artikel 221 und 512 des Arbeitsgesetzbuches ermächtigen nur Betriebsräte und, falls diese nicht vorhanden sind, Sonderkomitees. Der Betriebsrat ist die einzige Organisation, die laut Arbeitsgesetzbuch(Artikel 461.2) das Mandat besitzt, im Falle von kollektiven Arbeitskonflikten zu intervenieren. Der soziale Dialog kann zwar von jeder Arbeitnehmer_innenorganisation beantragt werden, aber nur die mit dem Betriebsrat getroffenen Vereinbarungen kommen auch allen Arbeitnehmer_innen des Unternehmens zugute. Dadurch dass keine Studien über die Auswirkungen von Tarifverhandlungen auf die Löhne auf Unternehmensebene existieren, ist der Erfolg der Gewerkschaften in Ecuador nur schwer messbar. Wichtig ist allerdings, dass im Falle der Nichteinhaltung des gesamten oder eines Teils des Tarifvertrags der jeweilige(Unternehmens-)Betriebsrat eine Petition einleiten kann(Art. 468, Arbeitsgesetzbuch). Die Bearbeitung dieser Petition dauert in der Regel jedoch zwischen einem und fünf Jahren, womit Verstöße durch Arbeitgeber zumindest für diesen Zeitraum nicht geahndet werden und somit straffrei erfolgen. Der nationale und sektorenweite Mindestlohn wird jährlich auf nationaler Ebene durch den Nationalen Rat für Arbeit und Löhne(Consejo Nacional de Trabajo y Salarios) ausgehandelt, einem dreigliedrigen Gremium, das sich aus den repräsentativsten Arbeitnehmer_innenorganisationen, den Arbeitgeberkammern und dem Arbeitsministerium zusammensetzt. Die Auswahl der als repräsentativ erachteten Arbeitnehmer_innenorganisationen durch das Arbeitsministerium erfolgt allerdings arbiträr und weitestgehend willkürlich, wodurch oftmals regierungsnahe Dachgewerkschaften bevorzugt werden(Ministerialverordnung Nr. MDT-2015-0240). Die Dachorganisation FUT ist von der Lohn- und Arbeitspolitik ausgeschlossen. Im Jahr 2022 stellte sie daher die Legitimation der Gewerkschaftsdachverbände, die an der Internationalen Arbeitskonferenz der ILO als Vertreter der ecuadorianischen Arbeitnehmer_innen teilnahmen, infrage. Trotz zahlreicher Reformvorschläge und im Gegensatz zu anderen Ländern der Region ist die Strategie der Gewerkschaften in Ecuador nicht darauf ausgerichtet, Arbeiter_innen zu vertreten, die nicht zu den formell Beschäftigten zählen. Auch aufgrund ihrer strukturellen Schwäche gilt ihr prinzipielles Interesse der Vertretung von Arbeitnehmer_innen in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen – informelle und selbstständige Arbeitnehmer_innen finden in der Gewerkschaftsbewegung hingegen kaum Gehör. Zudem ist die Gewerkschaftsbewegung in Ecuador überwiegend männlich und von älteren Männern in Führungspositionen geprägt. Interessen der Jugend werden so nicht wirksam vertreten. Maßnahmen zur Förderung oder internen Implementierung der Geschlechtergerechtigkeit werden, wenn überhaupt, nicht nachhaltig umgesetzt. Bezeichnend ist, dass die FUT erstmals im Jahr 2023 eine Frau als Präsidentin ernannt hat. Eine Ausnahme bildet die nationale Gewerkschaft der Hausangestellten und verwandter Berufe(Unión Nacional de Trabajadoras Remuneradas del Hogar y Afines, UNTHA) des Dachverbands CEOSL. Sie ist eine der wenigen Branchengewerkschaften mit überwiegend weiblichen Mitgliedern und einer gewissen Inzidenz in der öffentlichen Diskussion um die Arbeitsmarktpolitik, insbesondere mit Bezug auf Hausangestellte. Beispielhaft ist ihre Forderung für eine menschenwürdige Arbeit für bezahlte Hausangestellte. GEWERKSCHAFTEN UND IHR(POLITISCHES) GEWICHT Seit den 1980er-Jahren haben die Gewerkschaften in der politischen Dynamik Ecuadors erheblich an Bedeutung eingebüßt. Maßgeblich hierfür ist der auch im regionalen Vergleich sehr niedrige gewerkschaftliche Organisationsgrad von ca. 3,32 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Darüber hinaus ist der Verlust der Organisationsmacht auf gewerkschaftsfeindliche Praktiken von Unternehmen und teilweise auch der Regierungen sowie auf die Reformen zur Arbeitsmarktflexibilisierung der letzten Jahre zurückzuführen. Aufgrund dieser Tatsache haben die Gewerkschaften in Ecuador einen äußerst geringen institutionellen und außerinstitutionellen politischen Einfluss. Zwar unterhält die FUT Verbindungen zu Parteien wie der PK, der PS–FA oder der Unidad Popular(UP), während das PLE Verbindungen zur correistischen RC pflegt und die CUT sich der jeweiligen Regierung nahe zeigt, jedoch haben diese Verbindungen weder zu bedeutenden arbeitnehmer_innenfreundlichen Reformen geführt noch es ermöglicht, wichtige politische Diskurse für die Verbesserung der Arbeitswelt in Ecuador anzustoßen. Der soziale Dialog in Ecuador ist weitgehend dysfunktional. Insbesondere im Bereich der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik ist eine Kooptation des ecuadorianischen Staates durch die wirtschaftlichen Eliten des Landes festzustellen. Dies gilt vor allem für das Arbeitsministerium, dem die Aufsicht über die Einhaltung der Arbeitsgesetze unterliegt. Dies erklärt die systematische Schwächung der Arbeitsaufsicht (u. a. verantwortlich für Inspektionen in Unternehmen und Sektoren), die Instrumentalisierung der Regulierungsbehörden zugunsten der Interessen der Arbeitgeber, das Fortbestehen gewerkschaftsfeindlicher Praktiken sowie die Bestrebungen zu einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitsmarkpolitik. Zudem wurde von einigen Regierungen versucht, die Gewerkschaftsorganisationen zu kooptieren, was zu einer weiteren Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung und zur Legitimierung regressiver Maßnahmen in Bezug auf die Arbeitsrechte geführt hat. Die Gewerkschaften leiden unter einer geringen Akzeptanz in der ecuadorianischen Gesellschaft. Den gewerkschaftlichen Führungspersönlichkeiten mangelt es zudem an Legiti7
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2026
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