FES BRIEFING mität außerhalb ihrer gewerkschaftlichen Netzwerke. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass sich die Agenda der traditionellen Gewerkschaftsbewegung auf die spezifischen Forderungen der abhängig Beschäftigten, d. h. weniger als 35 Prozent der Bevölkerung, reduziert hat. Die jüngsten politischen Entwicklungen zeigen, dass die Gewerkschaftsbewegung kaum in der Lage ist, Bündnisse innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften zu schließen. In den letzten Jahren sind außerhalb der»traditionellen« Gewerkschaftsdachverbände vereinzelte gewerkschaftliche Organisationen entstanden, die für ihre Anerkennung als Branchengewerkschaft streiten. Hier sind UNTHA, ASTAC und die Beschäftigten der digitalen Plattformen(FrenApp) zu nennen, die de facto Branchengewerkschaften gegründet haben und nun für ihre rechtliche Anerkennung eintreten. Darüber hinaus haben unter anderem Arbeiter_innen im Palmölanbau, der Fischerei, der Film- und audiovisuellen Technik sowie informelle Verkäufer_innen einen Prozess der Bildung und des Aufbaus von Gewerkschaftsorganisationen auf Branchenebene eingeleitet. Gleichwohl stoßen diese Bestrebungen der Gewerkschaftsbildung auf heftigen Widerstand vonseiten der Wirtschaftsverbände und oftmals der Regierung. Parallel zum schwindenden nationalen Einfluss ist die internationale Vernetzung der ecuadorianischen Gewerkschaftsbewegung in den letzten Jahrzehnten insgesamt deutlich rückläufig. Auch treten die Gewerkschaftsdachverbände in den internationalen und regionalen Gremien kaum in Erscheinung. Ausnahmen bilden einzelne Organisationen wie ASTAC, die über ein stabiles Netzwerk mit europäischen Gewerkschaften, internationalen Nichtregierungsorganisationen in Europa und den USA sowie offiziellen Stellen der Europäischen Union verfügen. Ecuador steckt in einer multiplen Krise, bestehend aus großen Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit, Wirtschaft und Soziales. Nicht nur angesichts dieser aktuellen Konjunktur steht die Gewerkschaftsbewegung in Ecuador vor großen Aufgaben. Auch auf den Bedeutungsverlust der letzten Jahrzehnte in Politik und Gesellschaft müssen die Gewerkschaften Antworten finden. Trotz zahlreicher Widerstände, auch innerhalb der Gewerkschaftsbewegung, bedarf es einer Erneuerung der gewerkschaftlichen Agenda, Strategien und Aktionsformen, insbesondere zur Verteidigung und Stärkung der Arbeits- und Gewerkschaftsrechte oder zur Stärkung des Rechts auf Vereinigungsfreiheit. Ebenso bedarf es einer Erneuerung von Führungspersönlichkeiten sowie konkreter Maßnahmen zur Stärkung der internen Demokratie, Debattenkultur, Geschlechtergleichstellung und nicht zuletzt eine Überwindung der Partikularinteressen von zerstrittenen Einzelgewerkschaften und Dachverbänden für einen gemeinsamen und koordinierten Kampf für mehr Arbeitsund Gewerkschaftsrechte. Erst wenn zumindest einige dieser Reformen angegangen sowie Denk- und Handlungsmuster geändert werden, ist auf ein Wiedererstarken der Gewerkschaftsbewegung in Ecuador zu hoffen. Tina Hennecken Andrade, Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ecuador 8 KONTAKT Friedrich-Ebert-Stiftung| Referat Lateinamerika und Karibik| Hiroshimastraße 28| 10785 Berlin Verantwortlich: Ulrich Storck, Referent für Brasilien, Uruguay, Gewerkschaften und Handel ulrich.storck@fes.de Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-EbertStiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden.
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