FES BRIEFING Amplio, PS–FA) nahesteht. In den Folgejahren des Kalten Krieges profitierten sowohl CEDOC als auch CEOSL von der U.S.-Außenpolitik im Rahmen der»Allianz für den Fortschritt«. In den 1960er-Jahren führten die Gewerkschaftsdachverbände CTE und CEDOC die ersten Generalstreiks durch. Diese Periode der Arbeiter_innenmobilisierung ermöglichte in den 1970er-Jahren die Konsolidierung eines Einigungsprozesses zwischen den Dachverbänden CEOSL, CTE und CEDOC, der im Jahr 1971 in die Konstituierung der Vereinigten Arbeiterfront(Frente Unitario de Trabajadores, FUT) mündete. Im selben Jahrzehnt kam es in der CTE ebenso wie in der PCE zu einer maoistischen Abspaltung, aus der die Allgemeine Union der Arbeiter_innen Ecuadors(Unión General de Trabajadores del Ecuador, UGTE) hervorging. Die CEDOC gab ihrerseits ihre katholische Ausrichtung auf und benannte sich in Confederación Ecuatoriana de Organizaciones Clasistas Unitarias(CEDOCUT) um. Insgesamt entwickelte sich die Arbeiter_innenbewegung bis zum Ende der 1980er-Jahren zu einer der wichtigsten organisierten sozialen Bewegungen in Ecuador. Ab den 1990er-Jahren, im Zuge der neoliberalen Strukturanpassungsreformen, geriet die ecuadorianische Gewerkschaftsbewegung in eine bis heute anhaltende Krise. Die Flexibilisierung der Arbeit in Form von befristeten, gelegentlichen und saisonalen Arbeitsverträgen wurde ermöglicht, Bedingungen für Entlassungen erleichtert und Entschädigungen bei vorzeitiger Entlassung reduziert. Auch die Möglichkeit von Tarifverhandlungen, die Streitbeilegung und das Streikrecht wurden eingeschränkt. Im Zuge der Reformen kam es, insbesondere im privatwirtschaftlichen Sektor, zu einem drastischen Rückgang gewerkschaftlicher Organisation. Durch diesen Niedergang gewannen die Gewerkschaften des öffentlichen Sektors im Vergleich zu den Gewerkschaften des privaten Sektors deutlich an Gewicht, wobei die Gewerkschaftsbewegung und der Organisationsgrad insgesamt deutlich geschwächt wurden. GEWERKSCHAFTSLANDSCHAFT Die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung folgt der politischen Polarisierung in Ecuador der letzten Jahrzehnte. Derzeit ist eine Aufteilung der Bewegung in drei politische Richtungen festzustellen. Der erste, regierungsnahe Block gruppiert sich um die Central Única de Trabajadores(CUT), eine Abspaltung der FUT während der Regierungszeit des»Correismo«. Dieser Block verhält sich kooperativ zur jeweiligen Regierung und unterstützte die vergangenen drei Regierungen unter Rafael Correa, Lenín Moreno und Guillermo Lasso – trotz deren unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Er setzt sich hauptsächlich aus Betriebsräten öffentlicher Unternehmen zusammen(öffentlicher Fernsprechdienst, Elektrizitätsarbeiter_innen, Erdölarbeiter_innen). Die CTE ist dieser Gruppe derzeit ebenfalls zuzurechnen. Ein zweiter Teil der Gewerkschaften gruppiert sich im Block der»traditionellen« Gewerkschaftsorganisationen, denen ein – gleichwohl in unterschiedlicher Ausprägung –»Anti-Correismo« sowie ein ambivalentes Verhältnis zwischen»Widerstand« und»Artikulation« zu den konservativ und marktliberalen Regierungen unter Lenín Moreno und Guillermo Lasso gemein ist. Zu diesem Block gehören als Teil der FUT auch die CEDOCUT, die CEOSL und die UGTE sowie die Nationale Konföderation der Staatsbediensteten Ecuadors(Confederación Nacional de Servidores Públicos del Ecuador, CONASEP), die sich 2011 als Abspaltung des CTE gegründet hat. Die CTE gehörte ehemals auch zu diesem Block, wurde jedoch 2020 aus der FUT ausgeschlossen, da sie sich den regierungsfreundlichen Gewerkschaftszentralen annäherte. Als dritte Gruppe in der ecuadorianischen Gewerkschaftslandschaft sind diejenigen Gewerkschaften zu nennen, die der RC nahestehen und in dezidierter Opposition zu den Regierungen unter Lenín Moreno und Guillermo Lasso standen. Zu dieser Gruppe zählen das Ecuadorianische Arbeitsparlamanent(Parlamento Laboral Ecuatoriano, PLE), zu dem die Central Ecuatoriana de Organizaciones Clasistas(CEDOC-CLAT), die Central Sindical del Ecuador(CSE), die 2010 aus einer Fraktion der CEOSL hervorgegangen ist, sowie die Confederación Ecuatoriana de Trabajadores y Organizaciones de la Seguridad Social(CETOSS) gehören. Im weitesten Sinne ist zu dieser Gruppe auch die Integración de Federaciones Ecuatorianas Sindicales(IFES) zu zählen, die 2021 als Zusammenschluss der Federacion Regional Centro Oriente de Organizaciones Sindicales(FRECOOS), der Federación de Trabajadores Libres de Pichincha(FETRALPI) und der Federación Sindical Independiente de los Trabajadores del Ecuador(FESITRAE) gegründet wurde. Gegenwärtig befindet sich die ecuadorianische Gewerkschaftsbewegung in einem prekären Zustand. Am 19. Mai 2022 berichtete die ecuadorianische Regierung im Rahmen einer Anhörung im Normenkontrollausschuss der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO), dass das Arbeitsministerium insgesamt 5 783 Arbeitnehmer_innenorganisationen auf Unternehmensebene eine Rechtspersönlichkeit zuerkannt habe, davon 4 064 im privaten und 1 719 im öffentlichen Sektor. Insgesamt zählen diese Organisationen ca. 312 748 Mitglieder, was einem nationalen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 3,32 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht – ein auch im lateinamerikanischen Vergleich geringer Wert. Die Schwäche der Gewerkschaften ist dabei sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor festzustellen, wobei Tarifverhandlungen im öffentlichen Sektor stärker verbreitet sind als in der Privatwirtschaft. Schätzungen bieten einen Blick auf die relative Entwicklung der Gewerkschaften nach Branchen. Laut Studien entwickelten sich die gewerkschaftlichen Organisationen bis Anfang der 2000er-Jahre relativ zum Gewicht der Produktionssektoren der Volkswirtschaft: 29,4 Prozent(1632) der bis 2004 gegründeten Organisationen waren im industriellen Sektor angesiedelt. Allein 62 Prozent(1017) der gewerkschaftlichen Organisationen in diesem Sektor entfielen auf die Agroindustrie(Lebensmittel, Tabak, Textilien, Leder, Holz, Papier). 20,5 Prozent(1137) in der öffentlichen Verwaltung, 9,2 Prozent (512) in der Landwirtschaft und nur 5,9 Prozent(327) im Bereich Verkehr, Logistik und Kommunikation. 4
Heft
2026
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten