Heft 
2026
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FES BRIEFING Amplio, PS–FA) nahesteht. In den Folgejahren des Kalten Krieges profitierten sowohl CEDOC als auch CEOSL von der U.S.-Außenpolitik im Rahmen der»Allianz für den Fort­schritt«. In den 1960er-Jahren führten die Gewerkschaftsdachver­bände CTE und CEDOC die ersten Generalstreiks durch. Die­se Periode der Arbeiter_innenmobilisierung ermöglichte in den 1970er-Jahren die Konsolidierung eines Einigungspro­zesses zwischen den Dachverbänden CEOSL, CTE und CE­DOC, der im Jahr 1971 in die Konstituierung der Vereinigten Arbeiterfront(Frente Unitario de Trabajadores, FUT) münde­te. Im selben Jahrzehnt kam es in der CTE ebenso wie in der PCE zu einer maoistischen Abspaltung, aus der die Allgemei­ne Union der Arbeiter_innen Ecuadors(Unión General de Trabajadores del Ecuador, UGTE) hervorging. Die CEDOC gab ihrerseits ihre katholische Ausrichtung auf und benannte sich in Confederación Ecuatoriana de Organizaciones Clasistas Unitarias(CEDOCUT) um. Insgesamt entwickelte sich die Ar­beiter_innenbewegung bis zum Ende der 1980er-Jahren zu einer der wichtigsten organisierten sozialen Bewegungen in Ecuador. Ab den 1990er-Jahren, im Zuge der neoliberalen Strukturan­passungsreformen, geriet die ecuadorianische Gewerkschafts­bewegung in eine bis heute anhaltende Krise. Die Flexibilisie­rung der Arbeit in Form von befristeten, gelegentlichen und saisonalen Arbeitsverträgen wurde ermöglicht, Bedingungen für Entlassungen erleichtert und Entschädigungen bei vorzeiti­ger Entlassung reduziert. Auch die Möglichkeit von Tarifver­handlungen, die Streitbeilegung und das Streikrecht wurden eingeschränkt. Im Zuge der Reformen kam es, insbesondere im privatwirtschaftlichen Sektor, zu einem drastischen Rück­gang gewerkschaftlicher Organisation. Durch diesen Nieder­gang gewannen die Gewerkschaften des öffentlichen Sektors im Vergleich zu den Gewerkschaften des privaten Sektors deutlich an Gewicht, wobei die Gewerkschaftsbewegung und der Organisationsgrad insgesamt deutlich geschwächt wurden. GEWERKSCHAFTSLANDSCHAFT Die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung folgt der politi­schen Polarisierung in Ecuador der letzten Jahrzehnte. Derzeit ist eine Aufteilung der Bewegung in drei politische Richtun­gen festzustellen. Der erste, regierungsnahe Block gruppiert sich um die Central Única de Trabajadores(CUT), eine Abspal­tung der FUT während der Regierungszeit des»Correismo«. Dieser Block verhält sich kooperativ zur jeweiligen Regierung und unterstützte die vergangenen drei Regierungen unter Rafael Correa, Lenín Moreno und Guillermo Lasso trotz de­ren unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Er setzt sich hauptsächlich aus Betriebsräten öffentlicher Unternehmen zusammen(öffentlicher Fernsprechdienst, Elektrizitätsarbei­ter_innen, Erdölarbeiter_innen). Die CTE ist dieser Gruppe derzeit ebenfalls zuzurechnen. Ein zweiter Teil der Gewerkschaften gruppiert sich im Block der»traditionellen« Gewerkschaftsorganisationen, denen ein gleichwohl in unterschiedlicher Ausprägung»Anti-Correis­mo« sowie ein ambivalentes Verhältnis zwischen»Wider­stand« und»Artikulation« zu den konservativ und marktlibe­ralen Regierungen unter Lenín Moreno und Guillermo Lasso gemein ist. Zu diesem Block gehören als Teil der FUT auch die CEDOCUT, die CEOSL und die UGTE sowie die Nationale Kon­föderation der Staatsbediensteten Ecuadors(Confederación Nacional de Servidores Públicos del Ecuador, CONASEP), die sich 2011 als Abspaltung des CTE gegründet hat. Die CTE ge­hörte ehemals auch zu diesem Block, wurde jedoch 2020 aus der FUT ausgeschlossen, da sie sich den regierungsfreundli­chen Gewerkschaftszentralen annäherte. Als dritte Gruppe in der ecuadorianischen Gewerkschafts­landschaft sind diejenigen Gewerkschaften zu nennen, die der RC nahestehen und in dezidierter Opposition zu den Re­gierungen unter Lenín Moreno und Guillermo Lasso standen. Zu dieser Gruppe zählen das Ecuadorianische Arbeitsparlama­nent(Parlamento Laboral Ecuatoriano, PLE), zu dem die Cen­tral Ecuatoriana de Organizaciones Clasistas(CEDOC-CLAT), die Central Sindical del Ecuador(CSE), die 2010 aus einer Fraktion der CEOSL hervorgegangen ist, sowie die Confeder­ación Ecuatoriana de Trabajadores y Organizaciones de la Se­guridad Social(CETOSS) gehören. Im weitesten Sinne ist zu dieser Gruppe auch die Integración de Federaciones Ecuatori­anas Sindicales(IFES) zu zählen, die 2021 als Zusammen­schluss der Federacion Regional Centro Oriente de Organiza­ciones Sindicales(FRECOOS), der Federación de Trabajadores Libres de Pichincha(FETRALPI) und der Federación Sindical In­dependiente de los Trabajadores del Ecuador(FESITRAE) ge­gründet wurde. Gegenwärtig befindet sich die ecuadorianische Gewerk­schaftsbewegung in einem prekären Zustand. Am 19. Mai 2022 berichtete die ecuadorianische Regierung im Rahmen ei­ner Anhörung im Normenkontrollausschuss der Internationa­len Arbeitsorganisation(ILO), dass das Arbeitsministerium ins­gesamt 5 783 Arbeitnehmer_innenorganisationen auf Unter­nehmensebene eine Rechtspersönlichkeit zuerkannt habe, da­von 4 064 im privaten und 1 719 im öffentlichen Sektor. Ins­gesamt zählen diese Organisationen ca. 312 748 Mitglieder, was einem nationalen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 3,32 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht ein auch im lateinamerikanischen Vergleich geringer Wert. Die Schwäche der Gewerkschaften ist dabei sowohl im öffentli­chen als auch im privaten Sektor festzustellen, wobei Tarifver­handlungen im öffentlichen Sektor stärker verbreitet sind als in der Privatwirtschaft. Schätzungen bieten einen Blick auf die relative Entwicklung der Gewerkschaften nach Branchen. Laut Studien entwickel­ten sich die gewerkschaftlichen Organisationen bis Anfang der 2000er-Jahre relativ zum Gewicht der Produktionssekto­ren der Volkswirtschaft: 29,4 Prozent(1632) der bis 2004 ge­gründeten Organisationen waren im industriellen Sektor an­gesiedelt. Allein 62 Prozent(1017) der gewerkschaftlichen Organisationen in diesem Sektor entfielen auf die Agroindus­trie(Lebensmittel, Tabak, Textilien, Leder, Holz, Papier). 20,5 Prozent(1137) in der öffentlichen Verwaltung, 9,2 Prozent (512) in der Landwirtschaft und nur 5,9 Prozent(327) im Be­reich Verkehr, Logistik und Kommunikation. 4