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Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW
Entstehung
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In der Tabelle wird zudem deutlich, dass es trotz des aktu ­ell hohen Versorgungsgrade 15,5 freie Sitze für Hausärzt:in ­enpraxen im Kreis Euskirchen gibt, also knapp 16 Haus ­ärzt:innen in dem Gebiet fehlen. Der Versorgungsgrad des MB Bonn liegt dazu im Vergleich bei 111,2 und 0 freien Sitzen(KVNO 2025). Neben der generell hohen Anzahl an freien Sitzen für Hausärzt:innen ist das Durchschnittsalter der Hausärzt:innen mit 55,1 Jahren recht hoch(57,4 Jahren bei den Hausärzten und 52,4 Jahren bei den Hausärztinnen (Marian und Vermöhlen 2023)). Somit kann davon ausge ­gangen werden, dass weitere Sitze für Hausärzt:inenpraxen in den nächsten Jahren frei werden. Diese Entwicklung lässt insbesondere unter dem prognos­tizierten Zuwachs des Anteils der über 65-Jährigen im Kreis Euskirchen auf einen Handlungsbedarf schließen, um den aufkommenden Versorgungsbedarf sicherzustellen. Besondere Herausforderungen der haus­ärztlichen Versorgung in strukturschwachen Regionen das Beispiel Gelsenkirchen Auch die Stadt Gelsenkirchen steht in den kommenden Jahren vor erheblichen Herausforderungen in der hausärzt ­lichen Versorgung. Derzeit leben 267.733 Menschen in Gelsenkirchen und es zeichnen sich bereits heute Entwick ­lungen ab, die den zukünftigen Versorgungsbedarf maßgeblich beeinflussen werden. Insgesamt sind 20,25% der Bevölkerung 65 Jahre und älter, was etwa einem Fünf ­tel der Gesamtbevölkerung entspricht. Der Anteil der Hoch ­altrigen(ab 80 Jahren) liegt bei 6,03%. Mit der zuneh ­menden Zahl älterer Menschen wird auch hier der medizi ­nische Versorgungsbedarf, insbesondere im hausärztlichen Bereich, deutlich ansteigen. Neben der allgemeinen Alterung der Bevölkerung kommt in Gelsenkirchen noch eine andere Form von Versorgungs ­herausforderung hinzu. Die SGB-II-Quote , also der Anteil der Menschen, die Grundsicherung beziehen, liegt in Gel ­senkirchen bei 23,2% und damit deutlich über dem Bun ­desdurchschnitt von 8,2%(Bundesagentur für Arbeit 2025). Einige Stadtteile, wie zum Beispiel Gelsenkirchen-Ücken ­dorf(26,34%), sind besonders betroffen. Armut, Arbeitslo ­sigkeit und soziale Benachteiligung gehen oft mit gesund ­heitlichen Belastungen einher, die sich in einer höheren Krankheitslast niederschlagen können. Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen haben häufig einen schlechteren Gesundheitszustand, höhere Prävalenzen chronischer Erkrankungen und eine geringere Inanspruchnahme prä ­ventiver Angebote. Angesichts des insgesamt hohen Altersdurchschnitts, der sozialen Unterschiede und der bereits bestehenden Eng ­pässe in der hausärztlichen Nachwuchsgewinnung ist zu erwarten, dass die hausärztliche Versorgung in Gelsenkir ­chen mittelfristig unter erheblichen Druck geraten wird. Laut KVWL gibt es im MB Gelsenkirchen rund 146 Haus ­ärzt:innen, der Versorgungsgrad liegt bei 99,6%. Trotz des fast 100%igen Versorgungsgrades gibt es 14,5 freie Sitze in Gelsenkirchen(KVWL 2025). Gleichzeitig weist Gelsenkir ­chen den höchsten Anteil an Praktizierenden auf, die 70 Jahre und älter sind. Dies kann als deutliches Warn­signal für drohende Unterversorgung in den kommenden Jahren gewertet werden. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen etwa durch regionale Förderprogramme, Kooperations ­modelle zwischen Ärzt:innen, kommunale Gesundheitszen ­tren oder die Stärkung von Teamarbeit in multiprofessio ­nellen Praxen könnte die wohnortnahe Versorgung zunehmend gefährdet sein. Lösungsansätze zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung Zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung findet sich in der Literatur ein Bündel verschiedener Maßnahmen, die sowohl strukturelle als auch personelle Aspekte adres ­sieren. Als ein zentraler Ansatzpunkt zählt zum Beispiel die fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens , die durch Telemedizin, elektronische Patient:innenakten und digitale Kommunikationswege zur Entlastung der Hausärzt:innen beitragen kann. Parallel dazu gewinnen neue Versorgungsformen wie Gemeinschaftspraxen, Medi ­zinische Versorgungszentren(MVZ) und Intersektorale Ver ­sorgungszentren(IVZ) zunehmend an Bedeutung, da sie durch gemeinschaftliche Ressourcennutzung und interdis ­ziplinäre Zusammenarbeit attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen und die Versorgung effizienter gestalten können. Eine weitere Möglichkeit zur Entlastung bietet die Delega­tion ärztlicher Aufgaben an speziell qualifiziertes medi­zinisches Fachpersonal , wodurch Ärzt:innen sich stärker auf komplexe medizinische Tätigkeiten konzentrieren kön ­nen. Zudem kommt der Nachwuchsförderung eine beson ­dere Bedeutung zu: Durch eine stärkere Integration haus ­ärztlicher Inhalte ins Medizinstudium, die verpflichtende Einführung von Aufenthalten in Hausärzt:inenpraxen wäh ­rend der Ausbildung sowie ein qualitativ hochwertiges Wei ­terbildungsangebot im Bereich Allgemeinmedizin für Medi ­zinabsolvent:innen kann das Interesse am Beruf des:der Hausärzt:in nachhaltig gesteigert werden. Flankierend dazu ist ein Ausbau der Medizinstudienplätze erforderlich, um dem steigenden Bedarf an Ärzt:innen gerecht zu werden. Um den Beruf als Hausärzt:in darüber hinaus attraktiver zu gestalten, wird regelmäßig von Haus ­ärzt:innen ein Abbau der Bürokratie gefordert (Wangler und Jansky 2024; Leinert 2025). Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW 3