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Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW
Entstehung
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Ein großes Problem ist die übermäßige Bürokratie. Wir haben zu viele Kontrollen und zu wenig Vertrauen. Statt alles mehrfach zu prüfen, sollte man stichprobenartig kont­rollieren. So wie es jetzt läuft, bindet das unnötig Ressourcen, die anderswo dringend gebraucht werden.[] Dieses Qualitätsma­nagement, das ständige Nachhalten, die Au­dits, das ist in großen Unternehmen wie Mer­cedes oder Siemens sicher sinnvoll. Dort braucht man Strukturen, damit die Abläufe funktionieren. Aber für eine Arztpraxis mit fünf oder acht Angestellten ist das völlig überzogen. (KVWL Bezirksstellenleiter Gelsenkirchen) Auch der Hausarzt aus Euskirchen macht deutlich, dass ie bürokratischen Anforderungen einen großen Teil des Arbeitstages einnehmen und dies nicht zur Zufriedenheit beiträgt: Was einem weniger gefällt, ist die aus­ufernde Bürokratie. Ich habe hier stapelweise Anfragen von Krankenkassen und Versiche­rungen, zum Beispiel wegen Arbeitsunfähig­keit. Da hängen Sie jeden Tag noch mal zwei Stunden dran. (Hausarzt Euskirchen) Viele der hier genannten Herausforderungen passen mit dem aktuellen Stand der Literatur zusammen. Doch welche Lösungsansätze werden von den Experten als hilfreich und zukunftsträchtig erachtet? Lösungsansätze Abgabe von Aufgaben an nichtärztliches medizinisches Fachpersonal Der Hausarzt aus Euskirchen formuliert es zugespitzt: Man braucht Ärzte eigentlich hauptsächlich wegen der Krankschreibung. Damit verweist er auf einen Kernkon ­flikt: Viele Aufgaben, die Hausärzt:innen heute erledigen müssen, könnten auch durch andere qualifizierte Gesund ­heitsberufe übernommen werden. Das Beispiel aus Gelsen ­kirchen zeigt, dass Delegation von Aufgaben ein wichtiger Entlastungsfaktor ist. Der Hausarzt aus Gelsenkirchen beschreibt: Dinge wie Blutabnahmen, Impfungen oder Patientenschulungen haben wir an unsere medizinischen Fachangestellten delegiert[] Das entlastet uns enorm. (Hausarzt Gelsenkirchen) Stärkung der Gesundheitskompetenz und Prävention Ein weiterer Aspekt ist die Stärkung der Patient:innensou ­veränität und der damit verbundenen Gesundheitskompe ­tenz der Menschen. Der Hausarzt aus Euskirchen betont, wie wichtigErziehungsarbeit sei: Menschen zu vermit ­teln, dass nicht jede Beschwerde eine sofortige ärztliche Konsultation erfordert, sondern manches zunächst beob ­achtet oder durch Selbstmanagement gelöst werden kann. Diese Forderung unterstreicht der Bezirksstellenleiter der KVWL Gelsenkirchen: Außerdem müssen wir die Patientinnen und Patienten stärker sensibilisieren, damit sie medizinische Leistungen wirklich nur dann in Anspruch nehmen, wenn sie notwendig sind. (KVWL Bezirksstellenleiter Gelsenkirchen) Zudem kann eine Förderung der Gesundheitskompetenz nicht nur eine Reduzierung der Inanspruchnahme medizini ­scher Leistungen fördern, sondern auch die Behandlung im Allgemeinen sehr unterstützen. Der Gelsenkirchener Haus ­arzt berichtet: Wenn jemand gut recherchiert, hilft das uns sehr. Auch wenn die Diagnose nicht immer stimmt, sind die Menschen dann besser vor­bereitet und wissen, was im Vordergrund steht. Das spart Zeit bei der Anamnese und in der Diagnostik. (Hausarzt Gelsenkirchen) Neben der Stärkung der Gesundheitskompetenz wird auch ein Bedarf gesehen, Präventionsleistungen mehr im System zu verankern. Der Hausarzt aus Euskirchen verdeutlicht: Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, wenn es darum geht, auf Krankheiten zu reagieren. Aber wir haben eigentlich ein Krankheitssystem und kein Gesundheits­system, weil wir uns viel zu wenig damit beschäftigen, wie man Krankheiten verhin­dern kann. Prävention wird auch nicht ausreichend honoriert. (Hausarzt Kreis Euskirchen) Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW 6