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Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW
Entstehung
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Ergänzend zu diesen übergreifenden Strategien hat das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Landarztgesetz ein spezifisches Instrument geschaffen, das durch gezielte För ­dermaßnahmen und Studienplatzquoten die Versorgung insbesondere in ländlichen und unterversorgten Regionen verbessern soll(Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen 2021). Viele die ­ser Ansätze werden bereits verfolgt, einige häufig diskutiert doch wie werden diese in der Praxis bewertet? Ergebnisse Obwohl die Ausgangslagen der beiden untersuchten Regio ­nen unterschiedlich erscheinen Verdichtung im Ruhrge ­biet, Flächenprobleme im ländlichen Raum, zeigt sich ein einheitlicher Entwicklungstrend: Steigender Versorgungs­bedarf trifft auf schwindende Kapazitäten. Dieser Befund zieht sich durch alle drei Perspektiven: die der Kassenärzt ­lichen Vereinigung Westfalen-Lippe, die Sicht praktizieren ­der Ärzte in beiden Regionen und die Einschätzung der kommunalpolitischen Ebene durch den Landrat des Kreises Euskirchen. Zusammen ergeben sie ein dichtes, vielschich ­tiges Bild darüber, wie Versorgungslücken entstehen, wel ­che strukturellen Hürden sie verschärfen und welche Lösungsansätze derzeit diskutiert werden. Stimmen aus der Praxis welche Heraus­forderungen werden genannt und wo werden Lösungen gesehen? Methodisches Vorgehen Zur Erhebung relevanter Daten für die vorliegende Unter ­suchung wurden fünf leitfadengestützte Expert:innenin­terviews durchgeführt. Befragt wurden zwei niedergelasse ­ne Hausärzte aus unterschiedlichen regionalen Kontexten (Kreis Euskirchen und Gelsenkirchen), der KVWL-Bezirks ­stellenleiter Gelsenkirchen, der Landrat des Kreises Eus­kirchen sowie ein Mitarbeiter des Landesamtes für Gesund ­heit und Arbeitsschutz, der für die Umsetzung des Land ­arztgesetzes zuständig ist. Die Interviews wurden als Onlineinterviews über die Videokonferenzplattform Zoom realisiert und mit Einver ­ständnis der Befragten aufgezeichnet. Die durchschnittli ­che Interviewdauer betrug 45 Minuten. Im Anschluss an die Datenerhebung wurden sämtliche Audioaufzeichnun ­gen vollständig transkribiert, um eine systematische Auswertung zu ermöglichen. Die Auswertung des erhobenen Datenmaterials erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse . Dieses methodische Vorgehen ermöglichte es, relevante Themenkomplexe zu identifizieren, zentrale Aussagen zu strukturieren und die unterschiedlichen Perspektiven der Experten systematisch zu erfassen und miteinander in Beziehung zu setzen (Mayring 2022). Die Kategorien wurden induktiv, also aus dem vorliegenden Material, abgeleitet. Herausforderungen Versorgungssituation In Gelsenkirchen arbeiten viele Praxen in Stadtteilen, in denen soziale und gesundheitliche Belastungen besonders ausgeprägt sind. Ein Hausarzt als Gelsenkirchen beschreibt: Wir haben hier eine besondere Situation, weil wir in einer strukturschwachen Region arbeiten. Es ist ein Stadtteil mit hohem Migrationsanteil, viele Patientinnen und Patienten sprechen schlecht Deutsch, viele leben von Sozialleistungen, der Gesundheits­zustand ist oft schlecht. Es gibt viele chronisch Kranke, und manchmal denkt man, so etwas kann es gar nicht geben. Das ist echte Basisarbeit. (Hausarzt Gelsenkirchen) Diese besondere Mischung aus sozialem Druck, Sprach­barrieren und chronischen Erkrankungen verschärft die ohnehin hohe Arbeitslast. Strukturelle Probleme werden auch im Kreis Euskirchen deutlich, wo der Landrat die ambulante ärztliche Versor ­gung als eines der Themen beschreibt, die die Bevölkerung am stärksten beschäftigen. Der Kreis gehört zu den Regio ­nen in Nordrhein-Westfalen mit dem höchsten prognosti ­zierten Bevölkerungswachstum: Über 200.000 Menschen leben bereits dort, und die Entwicklung zeigt weiter nach oben. Mit diesem Wachstum steigt auch der Bedarf an medizinischer Infrastruktur Arztpraxen, Pflegeeinrichtun ­gen, Notdienste, Krankenhäuser. Zudem stellt die Sicherstellung der wohnortnahen Versorgung aufgrund großer Versorgungsgebiete und damit einhergehend langen Fahrtstrecken eine Herausforderung dar. Auch die hohe Altersstruktur der Hausärzt:innenschaft, gerade in den städteferneren Regionen Euskirchens, trägt zur Herausforderungen und Lösungsansätze der hausärztlichen Versorgung in ausgesuchten Regionen in NRW 4