Anliegen in den öffentlichen Diskurs einzubringen, sich zu vernetzen und Veränderungen aktiv herbeizuführen. In der gesellschaftlichen Praxis greifen beide Verständnisse inein ander und sind in der Bevölkerung nahezu gleich stark ver ankert – während sich die damit verbundenen demokrati schen Praktiken sichtbar verändern. Diese Wandlungsprozesse betreffen auch die demo kratischen Rollen der Medien und besonders des öffentlichrechtlichen Rundfunks. Qualität im Sinne des öffentlichen Auftrags bedeutet heute nicht nur, über einen elitären „Marktplatz der Ideen“ sachlich, ausgewogen und kritisch zu berichten, sondern auch Räume zu eröffnen, in denen Menschen selbst an diesem Marktplatz und an der Gestal tung sozialen Lebens kontinuierlich und im gegenseitigen Austausch teilhaben können. Für den Bildungsauftrag bedeutet das beispielswei se: weniger die Vermittlung von Anforderungswissen, son dern die Förderung von Kompetenzentwicklung –„Knowhow-to-know“ statt„Know-how“ –, damit sich Menschen in einer komplexer und dynamischer werdenden Lebenswelt orientieren und entfalten können(Beaufort 2017). Wie notwendig eine Anpassung des öffentlich-recht lichen Auftrags ist, zeigt sich am Medienvertrauen: Es hängt wesentlich davon ab, ob Medien die Erwartungen er füllen, die – insbesondere im Bereich Information – stark durch die jeweiligen demokratischen Orientierungen ge prägt sind. Eine quantitative, empirische Untersuchung des Mediennutzungsverhaltens der Österreicher:innen zeigt, dass sowohl die Priorisierung bestimmter Informationsan gebote als auch das ihnen entgegengebrachte Vertrauen davon abhängen, wie gut Angebot und Nachfrage im Lich te unterschiedlicher Demokratieverständnisse miteinander übereinstimmen. Nur wenn Inhalte sowohl normativ gut begründet als auch für unterschiedliche demokratische Orientierungen anschlussfähig sind, können sie einen substanziellen Beitrag zum Funktionieren demokratischer Öffentlichkeiten leisten(Beaufort 2020, 2025, i. E.). Das tatsächliche Nutzungsverhalten der Österreicher:innen zeigt allerdings, dass sich vor allem ein libe ral-repräsentativ demokratisch orientiertes Publikum von den Fernsehnachrichten des ORF angesprochen fühlt. Par tizipatorisch orientierte Informationsnutzende, die inzwi schen fast 40 Prozent des Medienpublikums ausmachen (EVS/WVS 2024), finden hingegen nur begrenzt anschluss fähige Angebote. Ihre aus individuellen Demokratiever ständnissen abgeleiteten Erwartungen werden vom traditionellen Medienangebot vielfach nicht in einer Weise adressiert, die sie als anschlussfähig erleben. Bezogen auf die Altersstruktur gibt es eine deutliche Schnittmenge mit jüngeren Nutzungsgruppen, wenngleich partizipatorisch orientierte Informationsnutzende kein reines Altersseg ment, sondern eine demokratietheoretisch definierte Nut zungsgruppe bilden, die altersübergreifend verbreitet ist. Hier standen im ORF lange Zeit nur unzureichend Angebote zur Verfügung, die partizipatorische Elemente unterstützen – etwa den Wunsch nach Anschlussfähigkeit sowie nach inklusiveren und kontinuierlichen Bottom-upFormen der Teilhabe, die mit stärkerer Verantwortungs übernahme für die Gestaltung der eigenen humanen und materiellen Umwelt einhergehen und die Artikulation per sönlicher Anliegen erleichtern. Wie deutlich dieses Defizit – und seine Fortwirkung in vielen Bereichen – ausfällt, zeigen nicht nur aktuelle Nutzungsdaten, sondern auch eine neue, vom ORF beauftragte Studie zur Repräsentation und Ein bindung armutsbetroffener und ausgrenzungsgefährdeter Personen, die den Ruf nach partizipatorischem Journalis mus besonders deutlich hervortreten ließ: Partizipation funktioniere, so das Ergebnis von Fokusgruppen und Leitfa deninterviews mit Betroffenen sowie Vertreter:innen der Zivilgesellschaft, des Bildungssektors und der Wissen schaft, nur dann, wenn nicht lediglich über soziale Gruppen berichtet wird, sondern mit ihnen gemeinsame Projekte entwickelt werden und sie aktiv in die Programmgestaltung eingebunden sind – bis hin zu inklusiven Redaktionen (Seethaler et al. 2025b). Dennoch scheint sich diese Entwicklung zu relativie ren, insbesondere seit der Einführung von„ZIB Instagram“ im Jahr 2019 und„ZIB TikTok“ im Jahr 2021, die bei jünge ren und divers zusammengesetzten Publika eine bemer kenswerte Reichweite und Resonanz erzielen. Wie eine ak tuelle Studie zeigt(Beaufort i. E.), lässt sich dieser Erfolg nicht allein durch plattformspezifische Logiken erklären. Die Social-Media-News sind keine verkürzten Ableitungen der Fernsehsendungen, sondern werden redaktionell neu bearbeitet – unter Berücksichtigung von Merkmalen, die partizipationsorientierte Öffentlichkeiten besonders stark ansprechen. Die Popularität dieser Angebote spricht für sich und verweist auf einen wichtigen Schritt in eine zu kunftsorientierte Weiterentwicklung des öffentlich-rechtli chen Informationsangebots. Nichtsdestotrotz bleibt es für den ORF eine erhebli che Herausforderung, insbesondere jüngere Menschen dau erhaft zu erreichen und wieder stärker an das öffentlichrechtliche Angebot heranzuführen – ein Bedarf, der ange sichts gesellschaftlicher Transformationsprozesse sowie veränderter Medienangebots- und Nutzungsmuster noch an Dringlichkeit gewinnt. Fazit: Empfehlungen und Visionen für einen zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk Der rechtliche Rahmen, in dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs operiert, kennt Stärken und Schwä chen. Zu seinen größten Stärken gehören die Autonomie der Programmgestalter:innen, die Freiheit der journalisti schen Berufsausübung und das mehrdimensionale Ver ständnis von Vielfalt. Ein Angebot, das„sich an der Vielfalt der Interessen aller[…] zu orientieren“ hat, kann in einer digitalisierten Kommunikationsumwelt nur durch Nutzung aller Verbrei tungswege ohne inhaltliche oder zeitliche Beschränkungen bereitgestellt werden. Mehr noch: Angesichts der postline aren Nutzungslogik muss das Programm„primär mit Blick auf digitale Verbreitungswege, seien es die eigene Media thek oder Drittplattformen wie YouTube oder Wikipedia entwickelt werden“ – und nicht umgekehrt(Dobusch 2021). Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Österreich 8
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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Wandel : Herausforderungen und Perspektiven : ein Blick nach Österreich
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