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Italien - eine Analyse der Rai zwischen Tradition und Reformbedarf
Entstehung
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Abb. 3 Tochtergesellschaften der Rai Unternehmen Rai Pubblicità S.p.A. Rai Way S.p.A. Rai Com S.p.A. Rai Cinema S.p.A. Rai Eigentums­verhältnisse, in Prozent 100 65,07 100 100 Haupttätigkeit Verkauf und Verwaltung von Werbeflächen in Fernsehen, Radio und auf digitalen Plattformen Verwaltung des nationalen Rundfunk- und Übertragungsnetzes internationaler Vertrieb von Rai-Inhalten, Rechten, Formaten und Merchandising Produktion, Koproduktion, Vertrieb und Erwerb von Filmen Quelle: eigene Darstellung. 2. Werbeeinnahmen: Im Jahr 2023 wurden durch Werbung etwa 670 Millionen Euro erwirtschaftet, die von Rai ­Pubblicità S.p.A., einer 100-prozentigen Tochtergesell ­schaft, verwaltet wurden. Die Werbung wird sowohl durch den Dienstleistungsvertrag als auch durch das ­Gesetz über audiovisuelle Mediendienste(vgl. Normatti­va 2021) geregelt, womit strengere Grenzen als für priva ­te Sender vorgegeben sind: maximal vier Prozent der wöchentlichen Sendezeit und zwölf Prozent pro Stunde, gegenüber 18 Prozent Werbezeit für private Betreiber. Werbung ist außerdem in Kinder-, Nachrichten- und Kul­tursendungen verboten, während einige Kanäle wie Rai Storia vollständig werbefrei sind. Die Aufsicht obliegt der AGCOM(italienische Kommunikationsbehörde). Die Rundfunkgebühr ist seit Langem umstritten, da die Zahlung vom Besitz eines Fernsehgeräts und nicht von der tatsächlichen Nutzung der Dienste abhängt. Das Verfas­sungsgericht hat die Rechtmäßigkeit der Steuer dennoch wiederholt bestätigt. Politisch kam der Widerstand vor al­lem von der italienischen Rechten, insbesondere nach der Entscheidung im Jahr 2016, die Gebühr über die Stromrech ­nung einzuziehen. Die einzige bedeutende Änderung be­stand bisher in der vorübergehenden Senkung von 90 auf 70 Euro im Jahr 2024, die von der Lega, einer rechtspopu ­listischen Partei und Teil der Regierungskoalition von Mi­nisterpräsidentin Giorgia Meloni, durchgesetzt wurde. Die­se Maßnahme führte zu einem Fehlbetrag von 430 Millio ­nen Euro, den die Regierung direkt an die Rai ausglich. Abgesehen von diesem Vorfall wurden keine radikalen Re­formen des Finanzierungssystems der Rai vorgeschlagen. Wettbewerb Die Rai hatte bis 1974 ein ununterbrochenes Monopol auf Radio- und Fernsehübertragungen, bis das Verfassungs­gericht mit dem Urteil Nr. 225 das Recht privater Sender anerkannte, auf lokaler Ebene über Kabel zu senden. Diese richtungsweisende Entscheidung ebnete den Weg für den Aufstieg des Hauptkonkurrenten von Rai, der Mediaset­Gruppe von Silvio Berlusconi, die Anfang der 1980er Jahre ihre drei Flaggschiffsender Rete 4, Canale 5 und Italia 1 startete. Zu dieser Zeit war nur Rai gesetzlich berechtigt, landesweit live zu senden. Mediaset umging diese Be­schränkung durch das sogenannte Pizzone-System, bei dem Programme auf VHS-Kassetten voraufgezeichnet und dann gleichzeitig von einem Netzwerk lokaler Sender aus­gestrahlt wurden, komplett mit identischen Werbeblöcken. Die Proteste der Rai veranlassten die Regierung von Minis­terpräsident Bettino Craxi, durch eine Reihe vorläufiger Verordnungen allgemein als Berlusconi-Verordnungen ­bezeichnet einzugreifen, die es Fininvest(später Media­set) ermöglichten, bis zu einer umfassenden Regulierungs­reform weiterhin landesweit zu senden. Diese Reform er­folgte 1990 mit dem sogenannten Mammì-Gesetz, das das Duopol von Rai und Mediaset offiziell anerkannte und den Markt für neue kommerzielle Sender öffnete. Bei der Betrachtung der Verteilung der Fernsehsen­der in Italien stellen wir sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht eine äußerst wettbewerbsintensive Landschaft fest. Die Rai ist gemessen an der Anzahl der Kanäle nicht mehr der größte Sender des Landes, da sie 2019 von Mediaset im digitalen terrestrischen Fernsehen überholt wurde. Die in Mailand ansässige Gruppe zählt ­insgesamt 18 Kanäle, während die Rai nur 15 Kanäle hat. Mediaset stellt aufgrund ihrer zentralen Rolle für den poli­tischen Aufstieg von Berlusconi einen Sonderfall in der ­europäischen Landschaft dar. Die Nachrichten- und Talk­shows von Mediaset waren in der Vergangenheit ein wichti­ges Sprachrohr für den Mitte-Rechts-Diskurs in Italien. Un­ter anderem hat sich La7 im Besitz von Cairo Communi ­cation zunehmend auf politische Talkshows spezialisiert, während die stärkste Konkurrenz im Unterhaltungsbereich von Warner Bros. Fernsehsender Discovery kommt. Disco­very hat Rai erfolgreich herausgefordert, indem es zwei sei­ner prominentesten Moderatoren, Amadeus und Fabio Fa­zio, für seinen Sender Nove gewinnen konnte. Dennoch hat Rai weiterhin einen Wettbewerbsvorteil sowohl hinsichtlich der Gesamtzuschauerzahl als auch des Marktanteils, wie AGCOMs Kommunikationsbericht 2025 bestätigt( vgl. Ab­bildung 4). Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa Italien 4