Die Sendezeit der MinisterAbb. 6 präsident:innen in„TG1“ „Sprechzeit“ und„gesamte Sendezeit“, im Durchschnitt pro Monat in den ersten 14 Regierungsmonaten in„TG1“ erfasst. Die Daten sind in Minuten angegeben. 15,1 Meloni Sprechzeit 19,7 41,4 Draghi Conte II 22,4 Conte I 152,2 125,4 205 147,7 Quelle: Canepa(2024). gesamte Sendezeit der Berichterstattung der Rai ausgeschlossen worden zu sein. Die zyklische Natur dieser Beschwerden – die von allen Parteien vorgebracht werden, wenn sie nicht an der Macht sind – zeigt, dass keine politische Kraft jemals wirklich versucht hat, das System zu reformieren, um den politischen Einfluss zu verringern. Neu ist jedoch die beispiellose Mobilisierung der Rai-Journalist:innen. Am 6.5.2024 rief die Journalistengewerkschaft USIGRai daher zum ersten Streik in der Geschichte der Rai auf, um gegen politische Einmischung zu protestieren. Der Streik wurde teilweise durch eine kleinere, mit der Regierungspartei verbündete Gewerkschaft untergraben, die dafür sorgte, dass reduzierte Ausgaben der Hauptnachrichtensendungen weiterhin ausgestrahlt wurden. Dennoch führte dieser Vorfall dazu, dass die Rai vom Arbeitsgericht Rom wegen gewerkschaftsfeindlicher Praktiken verurteilt wurde, was die Herausforderungen verdeutlicht, denen ihre Mitarbeiter:innen bei der Abwehr politischen Drucks gegenüberstehen. Fazit Zehn Jahre nach der letzten großen Reform der Rai legte die Regierungsmehrheit am 31.7.2025 ihren neuen Vor schlag für eine strukturelle Überarbeitung der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalt vor. Von den 13 Artikeln des Gesetzentwurfs löste eine Bestimmung sofort heftigen Widerstand aus: die Änderungen hinsichtlich der Zusammensetzung und der Ernennungsverfahren des Verwaltungsrats der Rai. Der Vorschlag der Regierung Meloni sieht vor, dass sechs Mitglieder des Verwaltungsrats direkt vom italienischen Parlament gewählt werden, während das siebte Mitglied von den Rai-Mitarbeiter:innen gewählt wird. Dieses Modell unterscheidet sich nicht grundlegend vom derzeitigen, das bereits vier vom Parlament auf Empfehlung der parlamentarischen Aufsichtskommission ernannte Mitglieder vorsieht. Was die Oppositionsparteien beunruhigt, ist der neue Abstimmungsmechanismus: Ab der dritten Wahlrunde könnten Ernennungen mit einfacher Mehrheit bestätigt werden. Das bedeutet, dass die Regierungskoalition ohne parteiübergreifendes Abkommen einseitig einen Vorstand ernennen könnte, der sich ausschließlich aus Mitgliedern ihres eigenen politischen Lagers zusammensetzt und dessen Amtszeit fünf statt wie bisher drei Jahre beträgt. Bei den Protesten geht es daher weniger darum, den politischen Einfluss als solchen einzuschränken, als vielmehr darum, zu verhindern, dass die jeweilige Regierung ihn allein ausübt. Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Brüssel wird diese Debatte sicherlich zu einem zentralen Thema der öffentlichen Diskussion in Italien werden. Am 8.8.2025 trat das Europäische Medienfreiheitsgesetz(EMFA) in Kraft. Die von der Europäischen Kommission nachdrücklich unterstützte Verordnung zielt darauf ab, den Medienpluralismus innerhalb der EU zu schützen und die Schutzmaßnahmen für Journalist:innen zu verstärken – insbesondere in Bezug auf den Quellenschutz und den Einsatz von Spionagesoftware. Ihre Kernbestimmung betrifft die Unabhängigkeit der nationalen öffentlich-rechtlichen Medien von politischer Einflussnahme. Artikel 5 über Garantien für die unabhängige Funktionsweise öffentlich-rechtlicher Medienanbieter verpflichtet die Mitgliedstaaten, sowohl die redaktionelle als auch die operative Unabhängigkeit sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass die Verfahren zur Ernennung und Entlassung von Direktor:innen und Vorstandsmitgliedern so gestaltet sind, dass diese Unabhängigkeit gewahrt bleibt. Zur Überwachung der Einhaltung der Vorschriften richtet die EMFA einen unabhängigen Europäischen Medienausschuss ein, der sich aus Vertreter:innen der nationalen Regulierungsbehörden zusammensetzt. Bei Verstößen kann die Kommission nach einer förmlichen Untersuchung finanzielle Sanktionen verhängen. Unter der derzeitigen Führungsstruktur riskiert Italien – neben Polen und Ungarn – Vertragsverletzungsverfahren, da die Rai die neuen europäischen Standards für Unabhängigkeit nicht erfüllt. Diese Situation würde gemeinsame Anstrengungen von Regierung und Opposition erfordern, um den nationalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Einklang mit dem EMFA zu reformieren. Stattdessen geht der Vorschlag der Regierung Meloni in die entgegengesetzte Richtung und konzentriert den politischen Einfluss in den Händen der Exekutive. Die Reaktion der politischen Opposition Italiens auf die von der Regierung Meloni vorgeschlagene Reform der Rai besteht allerdings ebenfalls nicht darin, ein wirklich alternatives Modell vorzuschlagen, das auf die vollständige Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems von der politischen Macht abzielt, wie es die EMFA Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Italien 7
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