Friedrich-Ebert-Stiftung, Kaschmir: Vehikel des indisch-pakistanischen Konflikts nicht gegeben. Für Pakistan war dies eine wichtige Selbsterfahrung. Nach dem 11. September und der folgenden Bombardierung Afghanistans durch die USA hatte man in Pakistan nicht ausgeschlossen, dass es den Islamisten gelingen könnte, Millionen zu mobilisieren. Es waren aber nur einige Zehntausende und die Regierung blieb Herr der Lage. Die Anschläge nach dem 11. September Am 1. Oktober kamen bei einem terroristischen Anschlag auf das Parlament von Jammu und Kaschmir in Srinagar 38 Menschen ums Leben. Es überrascht nicht, dass alsbald die von Pakistan aus operierenden Gruppen Jaish-e-Mohammad und Lashkare-Taiba um die Urheberschaft wetteiferten, wohl aber, dass der pakistanische Präsident Musharraf dem indischen Premierminister Vajpayee telefonisch sein Beileid aussprach. Dennoch bewirkte das Srinagar-Attentat eine kategorische Änderung der indischen Position innerhalb der Anti-TerrorismusKoalition. Nachdem Indien auf amerikanisches Drängen zunächst zugesichert hatte, den riskanten Seitenwechsel Musharrafs vom Sponsor der Taliban zum Verbündeten der USA nicht als günstige Gelegenheit zum eigenen Vorteil auszunutzen, reklamierte Außenminister Jaswant Singh nun in Washington mit deutlichem Verweis auf Pakistan, dass Indien ebenfalls Opfer des internationalen Terrorismus sei. Als am 13. Dezember fünf vermutlich aus dem pakistanischen Teil Kaschmirs kommende Terroristen versuchten, das indische Parlament in New Delhi zu stürmen, und dabei schließlich acht Sicherheitsleute und einen Gärtner mit in den Tod nahmen, schien in Indien der Geduldsfaden zu reißen. Im Nachhinein sieht es freilich eher so aus, als hätte man auf ein Ereignis dieser Art geradezu gewartet. Was nämlich folgte, sah wie eine indische Kopie der amerikanischen Überinterpretation des 11. September aus. Die ruchlose Tat einer Handvoll von Selbstmordattentätern verwandelte sich binnen Stunden in einen Angriff auf das Symbol der indischen Demokratie, mithin auf die Demokratie selbst und schließlich in eine Kriegserklärung an die Indische Union. Dieser semantischen Eskalation folgte die planmäßige Steigerung der politischen Feindseligkeiten gegenüber Pakistan. Das indische Vorgehen wurde auf pakistanischer Seite mit erkennbarer Irritation verfolgt, zumal die dortige Regierung das Attentat umgehend verurteilt und Musharraf in den Grenzen seiner derzeitigen Möglichkeiten sehr wohl begonnen hatte, den Bewegungsspielraum islamistischer Extremisten einzuschränken. Die Gründe für die dramatische Zuspitzung des Konflikts, die beide Länder pünktlich zu Weihnachten – zumindest rhetorisch – an die Schwelle eines neuerlichen Krieges brachte, liegen freilich überwiegend auf indischer Seite und haben mit dem Überfall auf das Parlament nur mittelbar zu tun. Das im Sprachgebrauch – Ähnlichkeiten sind rein zufällig – auf das Datum reduzierte und solchermaßen als„13. Dezember“ ikonisierte Ereignis gab Indien endlich Gelegenheit, die politisch korrekte Rangordnung wiederherzustellen:„Indien ist Opfer, Pakistan ist Täter“. Obschon diese Übertreibungen erkennbar der öffentlichen Pflege des politischen Selbstbewusstseins dienten, spielte offenbar die ernsthafte Absicht mit, den Drive der amerikanischen Kampagne auf den grenzüberschreitenden Terrorismus in Kaschmir zu lenken. Merkwürdigerweise wurde dabei übersehen, dass ein amerikanisches Engagement in Kaschmir unausweichlich zu eben der Internationalisierung des KaschmirKonflikts führen muss, die Indien bisher kategorisch abgelehnt hat. Ein weiterer, innenpolitischer Grund für das unproduktive indische Brinkmanship(einer Politik des äußersten Risikos) sind die für Februar angesetzten Landtagswahlen in Uttar Pradesh. Nach den bisherigen Umfragen muss die in New Delhi die Mitte-RechtsKoalition anführende BJP in diesem mit 130 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Unionsstaat mit einer Niederlage rech- 2-
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