Druckschrift 
Kaschmir: Vehikel des indisch-pakistanischen Konflikts
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Friedrich-Ebert-Stiftung, Kaschmir: Vehikel des indisch-pakistanischen Konflikts Musharraf, der sich wenige Tage vor dem Treffen selbst zum Präsidenten ernannt hat­te, um mit Vajpayeeauf gleicher Augenhö­he" verhandeln zu können, kam bei dem Treffen aus pakistanischer Sicht sehr gut heraus, auch wenn er mit leeren Händen zu­rückkehrte. Sein Image als souveräner Staatsmann hatte gewonnen. Jenseits der aktuellen Bewertung kommt dem Agra-Summit aus zwei Gründen histo­rische Bedeutung zu. Einmal war er das er­ste Treffen dieser Art nach dem Kargil­Krieg im Frühsommer 1999, nach dem Machtwechsel in Pakistan 1999 und nach einer gewissen Bewegung in der indischen Kaschmir-Politik. Zum anderen hat die In­szenierung des Gipfels als Medienereignis die politische Phantasie über das immense Entwicklungspotential gutnachbarlicher Be­ziehungen zwischen beiden Ländern beflü­gelt. Interessen in und an Kaschmir Der indische Verteidigungsminister George Fernandes hat sicher Recht mit seinem Kommentar, dass ein fünf Jahrzehnte lang bestehender Konflikt nicht in fünfstündigen Verhandlungen gelöst werden kann. Der Kaschmir-Konflikt ist allerdings nicht des­halb so zählebig, weil seine Lösung an sich kompliziert wäre, sondern weil bislang we­der Indien noch Pakistan den politischen Willen hatten, die mit einer Konfliktlösung verbundenen Konsequenzen zu tragen. Für den Staat Pakistan ist die Forderung nach einerBefreiung der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung im indisch ge­haltenen Teil Kaschmirs konstitutiv. Des­halb galt in der Vergangenheit die Unter­stützung all derer, die diesenBefreiungs­kampf mehr oder weniger gewaltsam führ­ten, als legitim. Dass von Anbeginn Ein­dringlinge dabei waren, die anderes als die Selbstbestimmung der Kaschmirer im Schil­de führten, steht außer Frage. Deshalb lässt sich heute nicht ohne weiteres auseinander sortieren, wer in den Northern Frontier Pro­vinces islamistischer Terrorist, heimatloser Mudjahedin oder authentischer Freiheits­kämpfer ist. Letzteren kann keine pakistani­sche Regierung, die im Amt bleiben will, ihre Unterstützung versagen zumindest nicht, solange Indien nicht zu substantiellen Zugeständnissen in Kaschmir bereit ist. Dagegen ist aus indischer Sicht die Zugehö­rigkeit von Jammu und Kaschmir zur Indi­schen Union nicht verhandelbar. Indien sieht sich als Demokratie politisch und historisch im Recht und meint im übrigen, seinen Bei­trag zum Kompromiß bereits mit der de facto-Anerkennung der Kaschmir teilenden Line of Control geleistet zu haben. Die Schwäche dieser Position ist, dass Indien seinen Anspruch in Kaschmir mittlerweile auch gegen die dortige Bevölkerung durch­zusetzen sucht und deshalb als Besatzungs­macht auftritt. Anfänglich moderate Auto­nomieforderungen wurden nicht ernstge­nommen und die indische Herrschaft statt dessen mit viel Repression und gefälschten Wahlen befestigt. Folglich hat sich das ur­sprüngliche Autonomiebegehren inzwischen zum Unabhängigkeitsverlangen versteift. Inwieweit die zögerlichen Kontakte zur All Party Hurriyat Conference, einer Koalition kaschmirischer Autonomie-Initiativen, daran noch etwas ändern können, hängt davon ab, ob diese Gruppierungen eine Mehrheit re­präsentieren und von einer solchen bei den im Herbst fälligen Wahlen in Jammu und Kaschmir ein Mandat bekommen. Mittlerweile gewinnt auch in Delhi die Idee an Boden, mit einer Autonomielösungin­nerhalb der Indischen Union könne man den gordischen Knoten durchschlagen. Dass dies allein die Sicherheitsprobleme in Kaschmir nicht lösen würde, hat der Misser­folg eines einseitig von der indischen Armee ausgerufenen Waffenstillstandes gezeigt. Unter diesem Blickwinkel war schon die vage Aussicht, mit Musharraf einen Modus vivendi an der Line of Control vereinbaren zu können, Grund genug für Vajpayee, mit der Einladung nach Agra über seinen Schatten zu springen. Pakistans interner Kampf Die pakistanische Militärregierung hat in­dessen gegen Ende des Jahres 2001 mit - 4-