Friedrich-Ebert-Stiftung, Kaschmir: Vehikel des indisch-pakistanischen Konflikts nen. Zu den ungeschriebenen Gesetzen des indischen politischen Systems gehört aber, dass, wer in Uttar Pradesh verliert, auch auf Unionsebene nicht gewinnen kann. Konfliktpolitik In Kaschmir spiegelt sich für Indien wie für Pakistan ein Teil ihrer politischen Identität. Dem einen ist Kaschmir Ausdruck der Spannweite des säkularen Föderalismus, dem anderen Cornerstone des muslimischen Staates in der Erbfolge Britisch-Indiens. Und beide haben dabei das Bedürfnis der Kaschmirer, ihre Identität selbst zu bestimmen, mehr oder weniger verdrängt. Gäbe es sonst keinen Streit zwischen Indien und Pakistan, könnte man sich für das Kaschmirproblem eine konditionierte – etwa von verschränkten indisch-pakistanischen Hoheitsrechten überdachte – Autonomielösung vorstellen. In Wirklichkeit ist Kaschmir freilich nur Vehikel eines zum Fundamentalkonflikt aufgetriebenen Gegensatzes, der beide Länder zu ihrem Nachteil permanent am Rande eines Krieges gefangen hält. So liefert der unbewältigte Konflikt beiden auch immer wieder den Vorwand, überfällige Reformen auf die lange Bank zu schieben. Nicht von ungefähr fällt die im letzten Jahr zwischen Gipfeldiplomatie und Kriegsandrohung changierende Politik Indiens mit dem offenkundig werdenden Scheitern seiner viel gepriesenen New Economy zusammen. Für Pakistan bleibt Kaschmir wiederum eine Grundfrage, die eng mit der nationalen Identität verbunden ist – wie dort anlässlich des am 5. Februar wieder einmal als Feiertag begangenen Kashmir Day in vielen Reden deutlich gemacht wurde. Hauptsächlich geht die Verhärtung der indischen Haltung gegenüber Pakistan allerdings auf einen politischen Paradigmenwechsel in der Regierung von Premierminister Atal Behari Vajpayee zurück. In dessen Bharatiya Janata Party(BJP), die eine Koalition von 24 Parteien anführt, scheinen die Hardliner um Innenminister Lal K. Advani, Außenminister Jaswant Singh und besonders Sicherheitsberater Brajesh Mishra die Oberhand gewonnen zu haben. Mishra wird nachgesagt, er habe seit der Regierungsübernahme durch die BJP nur zwei Ziele verfolgt, nämlich Indien zur Nuklearmacht zu erheben und Pakistan als Störfaktor für die indische Politik ein für alle Mal auszuschalten. Letzteres reflektiert in seiner unbeschönigten Militanz die hindunationalistische Ideologie der BJP, deren extremistische Eiferer bedenkenlos die Grenze zum Rassismus überschreiten. Diese Gruppen, die im Innern bereits den Bürgerkrieg gegen die große muslimische Minderheit üben, liefern natürlich auch für jede politische Drohgebärde gegenüber Pakistan die martialische Geräuschkulisse. Gipfeltreffen in Agra Die jüngste Zuspitzung des indischpakistanischen Konflikts hatte ein halbes Jahr zuvor mit einem neuerlichen Anlauf zu seiner Entschärfung begonnen. In etwas überraschendem Gegensatz zu der bis dahin geltenden Doktrin – solange Pakistan den grenzüberschreitenden Terrorismus nicht unterbindet, werde es keinen Dialog geben – hatte Premierminister Vajpayee den pakistanischen Militärmachthaber General Pervez Musharraf zu einem Gipfeltreffen nach Agra eingeladen. Schon der Zeitverzug von acht Wochen zwischen Einladung und endgültigem Termin gab den Bedenkenträgern und Entspannungsgegnern auf beiden Seiten reichlich Gelegenheit, die Erfolgschancen des Treffens mal mit überzogenen Erwartungen, mal mit düsterem Zweckpessimismus zu torpedieren. Folglich wurde dem Gipfel, als ein wie auch immer gearteter Durchbruch in der Kaschmir-Frage vorhersehbar ausblieb, kurz und bündig sein Scheitern attestiert. Gegen diesen als selffulfilling prophecy daherkommenden Befund hatten gewisse Fortschritte auf anderen Gebieten wie auch der Wert des politischen Dialogs an sich keinen Bestand. Schon am Tag danach meldeten sich in New Delhi die Hardliner zurück und erklärten alle in Agra erzielten Annäherungen als gegenstandslos. - 3-
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