Not wie vor dem Beginn der„neuen Zeit“ für Afghanistan. Dasselbe gilt für die Provinzen, da deren Lage von den VN und den Botschaften als unsicher eingeschätzt wird und sich insofern nur vereinzelt Hilfsorganisationen dort hintrauen. Der Wandel besteht in diesen Gegenden lediglich darin, dass die Taliban nicht mehr da sind, und dafür meistens wieder die alten Machthaber aus der Mujahedin-Zeit das Sagen haben. Von der Bevölkerung wird dieses nicht unbedingt als„Befreiung“ wahrgenommen. Böse Zungen behaupten, Karzai sei eigentlich der Bürgermeister von Kabul und nicht der Regierungschef des ganzen Landes. Die starke Unterstützung für das Zentrum, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Provinzen kann dazu führen, dass sich diese für autonom erklären und immer eigenständiger zu agieren versuchen. Ismail Khan, auch ein alter Bekannter aus der Mujahedin-Zeit, regiert wie ein Emir den Westen des Landes. Er profitiert von der gegenseitigen Belauerung der iranischen und der amerikanischen Seite in seiner Region. So kann er sich auf großzügige Hilfe beider Seiten verlassen. Dieses ist sicherlich nicht im Sinne des Bonner Abkommens, wenn an der Zentralregierung vorbei einzelne Kommandanten und warlords unterstützt werden. Auch der ehrerbietige Besuch des US-Verteidigungsministers Rumsfeld in Herat hat die falschen Signale ausgesendet. Khan fühlte sich derart sicher, dass er kurz darauf Demokraten von ihrer Kandidatur für die loya jirga abhielt, indem er sie kurzerhand ins Gefängnis werfen ließ. Wichtig wäre, konfliktsensitiv zu prüfen, wer von der internationalen Hilfe profitiert, um nicht gewaltbereite Gruppen bzw. Personen zu unterstützen, die das Bonner Abkommen nicht mittragen. Außerdem ist der einseitige Profit einiger weniger, die als Filter für den Zugang zu diesen Mitteln dienen, möglichst auszubremsen, um die Korruption gering zu halten. Es sollte noch viel gezielter und systematischer versucht werden diejenigen Gruppen und Personen zu unterstützen, die aus Überzeugung den Weg hin zur Demokratie beschreiten. So könnte mittel- und langfristig gewährleistet werden, dass das Bekenntnis zur Demokratie nicht nur ein opportunistisches Lippenbekenntnis bleibt, um an die Fleischtöpfe der internationalen Hilfe zu gelangen. Dazu bedarf es einer möglichst umfassenden Koordination der Hilfe auf deutscher, europäischer, internationaler und auf afghanischer Seite, die über eine sektorale Koordinierung hinaus gehen sollte. Die politische Beobachtung und die Einschätzung der Zuwendungsempfänger sollte stärker Hand in Hand gehen. Besondere Bedeutung erhält dieses in der hoffentlich nahen Zukunft, wenn viel mehr NGOs und staatliche Organisationen auch außerhalb Kabuls arbeiten können, wo die Akteure bisher noch schwerer einzuschätzen sind. Gerade hier ist wichtig, die(exil)afghanische Expertise einzubeziehen, denn nur ob der intimen Kenntnis der Konfliktgeschichte und der jeweiligen Sprache kann eine eindeutige Zuordnung erfolgen. Es wäre verhängnisvoll, wenn mittels der internationalen Hilfe der Konflikt wieder verschärft würde, indem bestimmte Gruppen besonders profitieren, ethnische Trennungslinien von außen gezogen werden und ganze Regionen instabil bleiben. Lebensfreude wieder auf der Strasse Trotz aller Stolpersteine ist das Bild Afghanistans im Frühsommer 2002 nicht nur schwarz zu zeichnen. Krankenhäuser wurden wiederaufgebaut, Tausende Kinder können wieder zur Schule gehen, in den Parks wird Fußball gespielt und am freitäglichen Feiertag machen Familien ihre Ausflüge. Aus Kabul heraus fahren sie beispielsweise in die sehr fruchtbare Shomali-Ebene im Norden, die während der vierjährigen Dürre so braun und trostlos aussah. Heute blühen dort wieder die Obstbäume in einer beeindruckenden Landschaft, die geprägt ist von den schneebedeckten tausende Meter hohen Bergen. Diese erneute Blüte fällt symbolisch mit dem Ende des Taliban-Regimes zusammen, als hätte der Regen die rigiden"Religionsstudenten" gemieden. Das Straßenbild hat sich in nur wenigen Monaten stark verändert. Die Strassen sind verstopft mit nach Diesel stinkenden Taxis und den weißen Jeeps der Ausländer, aus den Geschäften dringt die obligatorische Schlagermusik einer orientalischen Stadt, und die Kinder rufen fröhlich"Hallo Mister". Ein Kontrastprogramm zum angstvollen„über-die-Straße-Hetzen“ der Menschen und an Bäumen aufgehängten Musikbändern während der Taliban-Zeit. Viele der Frauen tragen jedoch weiter die Burqa und auch nur wenige Männer haben ihre Bärte abrasiert. Sie warten erst einmal ab. Sie haben weiterhin Angst und vertrauen den alten Gesellen in der neuen Regierung nicht. Außerdem ist eine Burqa für umgerechnet ca. 2 US$ ein günstiges Kleidungsstück, unter der man die Armut verbergen kann. Das erste magische Ereignis, auf das die Afghanen warten, ist die Sonder-loya jirga. Wie wird die Zusammensetzung der neuen Übergangsregierung und noch wichtiger, wie die Reaktion derer, die nicht daran teilhaben, auf sie aussehen? Bei positivem Verlauf könnten dann weitere Burqas und Bärte fallen. - 5-
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