FES Analyse: Korea 3 Von der Aufholjagd zum globalen Wettbewerb Die Weichen wurden richtig gestellt Anfang der sechziger Jahre betrug das Pro-KopfEinkommen in Südkorea knapp hundert Dollar, der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt(BIP) lag bei 38%, und die Ausfuhren erreichten mit 43 Millionen US-Dollar(USD) nicht einmal ein Viertel der Einfuhren. Bis 1995 stieg das Pro-Kopf-Einkommen dann um mehr als das Hundertfache auf über 10.000 USD, der Anteil der Landwirtschaft am BIP sank auf 7%, und die Exporte erreichten 125 Milliarden USD. Südkorea hatte eine beispiellose Aufholjagd zurückgelegt und sich in weniger als zwei Generationen aus einem rückständigen Agrarland zu einem modernen Industriestaat entwickelt. Zu diesem raschen Wirtschaftswachstum hatten mehrere Faktoren beigetragen: Regierungen und Institutionen, die sich entschieden der Entwicklung ihres Landes verschrieben hatten, Unternehmen, die für Innovationen aufgeschlossen waren und in fremde Märkte eindrangen sowie fleißige und lernwillige Arbeitskräfte, die alles daran setzten, ihre Armut zu überwinden. Aber sie alle konnten über Jahrzehnte nur deswegen erfolgreich zusammenwirken, weil die südkoreanische Regierung Anfang der sechziger Jahre eine Entscheidung getroffen hatte, die sich als richtig und tragfähig erweisen sollte: Im Unterschied zu ausnahmslos allen lateinamerikanischen Regierungen dieser Zeit hatte sie sich gegen eine„importsubstituierende“ und für eine„exportorientierte“ Industrialisierung entschieden. Während die lateinamerikanischen Länder auf eine Teilnahme am internationalen Wettbewerb weitgehend verzichteten und deshalb niedrige Wachstumsraten und wachsende Armut in Kauf nehmen mussten, baute Südkorea seinen Anteil am Welthandel aus und erfüllte zunehmend die Merkmale einer Industrienation. Nur 35 Jahre nach dem Beginn seiner außenwirtschaftlichen Ausrichtung wurde das Land 1996 in den Kreis der OECD-Länder aufgenommen. An der Grundentscheidung zugunsten einer exportorientierten Entwicklung hielten alle folgenden Regierungen fest. Innere und äußere Umstände zwangen jedoch wiederholt dazu, den entwicklungspolitischen Kurs anzupassen. In der ersten Phase der Industrialisierung von 1962 bis 1971 förderte die Regierung die Herstellung arbeitsintensiver Industrieprodukte mit geringer Wertschöpfung, die für die Ausfuhr in entwickelte Industrieländer bestimmt waren. Auf diese Weise konnten die überschüssigen Arbeitskräfte zu niedrigen Löhnen eingesetzt und die Nachteile eines engen Binnenmarktes überwunden werden. Die Wachstumsraten des BIP erreichten in diesem Zeitraum jahresdurchschnittlich über 9%. In den siebziger Jahren rückte die Regierung Branchen der Chemie- und Schwerindustrie in den Vordergrund, um sowohl die Zahl exportfähiger Erzeugnisse zu vergrößern, als auch die Voraussetzungen für eine eigene Rüstungsindustrie zu schaffen. Wie bereits zuvor schon im Falle der Textil-, Bekleidungs- und anderer Bereiche der Leichtindustrie, setzte sie ein breites wirtschaftspolitisches Instrumentarium ein, um die Entwicklung der Stahlindustrie, des Schiffsund Maschinenbaus sowie der Chemie- und Elektronikindustrie zu unterstützen. Durch abgestufte Steuervorteile für unterschiedliche Industriezweige, Zollschranken zum Schutz der heimischen Unternehmen gegen konkurrierende Produkte aus dem Ausland sowie insbesondere Kreditvergünstigungen lenkte die Regierung umfangreiche Investitionen in die von ihr als zukunftsträchtig angesehenen Wirtschaftszweige. Hohe Ertragsunterschiede zwischen dem koreanischen und den ausländischen Kapitalmärkten bei staatlichen Rückzahlungsgarantien bewirkten zudem einen starken Kapitalzufluss in Gestalt ausländischer Direktinvestitionen und Handelskrediten. Der exportorientierte und staatsgeführte Aufholprozess in den sechziger und siebziger Jahren war jedoch nicht nur erfolgreich. Er schuf auch neue Ungleichgewichte und setzte die Wirtschaft verstärkt äußeren Einflüssen aus. Der zweite Ölpreisschock im Jahre 1979 deckte eine Reihe von Fehlentwicklungen auf, die durch politische Entscheidungen verursacht worden waren. Eine hohe Inflation, sinkende Ausfuhren und Überkapazitäten in der Schwerindustrie
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