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Südkorea : Herausforderungen für das 21. Jahrhundert
Entstehung
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14 Vorleistungen für ihre eigentliche Produktion zu beschaffen. Doch darf der Anteil der vermark­teten Erzeugnisse 30% ihrer Gesamtproduktion nicht überschreiten. In der Landwirtschaft dür­fen die Mitglieder der Produktionsgenossen­schaften zwar wieder Parzellen privat bewirt­schaften. Doch die Fläche der sogenannten Hof­landwirtschaft darf jeweils nicht größer als 100 sein. Dies ist, von saisonbedingten Produk­tionsspitzen abgesehen, nicht einmal genug, um den Eigenbedarf der Genossenschaftsfamilien an Nahrungsmitteln ausreichend zu ergänzen. Kern der Wirtschaftsreformen in China war die Auflösung der Volkskommunen, indem der Staat Flächen, Vieh und Inventar an die Bau­ernhaushalte verteilte. Wie man heute weiß, war dies der Beginn einer weitreichenden Transfor­mation der chinesischen Wirtschaft. Die Ent­wicklung in Nordkorea weist in eine andere Richtung. Kim Jong-Il möchte die Vision seines Vaters Kim Il-Sung aus dem Jahre 1964 erfüllen und in der Landwirtschaft die einst gewaltsam durchgesetzten Produktionsgenossenschaften in staatliche Großbetriebe umwandeln. Seit 1999 sind Armeeeinheiten damit beschäftigt, die Flä­chen der Genossenschaften und hier insbeson­dere die Reisfelder zu Großflächen zusammen­zulegen. Offiziell wird dieser Schritt damit be­gründet, dass nur in Großbetrieben eine Me­chanisierung der Landwirtschaft möglich sei. Bereits in den einst sozialistischen Ländern hatte die Schaffung landwirtschaftlicher Großbe­triebe ohne Rücksicht auf Bodenbeschaffenheit, Industrialisierungsgrad oder betriebswirtschaftli­cher Rentabilität zu schlechten und in einigen Fällen zu verheerenden Ergebnissen geführt. In Nordkorea ist damit eine weitere Katastrophe FES Analyse: Korea vorgezeichnet. Seit Jahren fehlen hier neben in­dustriellen Vorleistungen wie Düngemittel und Pestiziden vor allem Maschinen und Energie, um die Flächen zu bearbeiten und das Getreide zu ernten und zu dreschen. Das sind keine guten Aussichten für die ohnehin schon darbende Be­völkerung. Landwirtschaft war im nördlichen Teil Koreas traditionell stets weniger bedeutend als im Sü­den. Der Norden ist gebirgiger, und das Klima ist hier erheblich rauer als im Süden. Während der Ernte fallen oft heftige Niederschläge, so dass das Getreide aufwendig getrocknet werden muss, damit es nicht verrottet. Dafür stehen weder Ma­schinen noch Brennstoffe zur Verfügung. Die Böden sind ohnehin ausgelaugt oder durch Ero­sion zerstört. Die politisch Verantwortlichen dürften daher wissen, dass sich ihr Schicksal nicht in der Landwirtschaft entscheidet. Von strategischer Bedeutung ist allein die Industrie. Aber hier ist das Regime in einer Zwickmühle: ohne Außenöffnung kommen weder Kapital noch Technologie ins Land, mit Außenöffnung entstehen unberechenbare Risiken für seinen Bestand. Es ist nicht abzusehen, wie die Partie fort­geführt wird. Der Niedergang der nordkorea­nischen Wirtschaft hält derweil an. Um der zu­nehmenden Verelendung zu entgehen, haben in den letzten Jahren immer mehr Menschen trotz großer Gefahren ihr Heil in der Flucht gesucht. Zwischen 1991 und 2000 waren insgesamt 790 Personen nach Südkorea gelangt. Diese Zahl wurde 2004 mit 760 Flüchtlingen schon in den ersten sechs Monaten annähernd erreicht. Der Geist ist aus der Flasche, und es dürfte schwer sein, ihn wieder einzufangen. Steuert Südkorea auf eine Existenzkrise zu? Vermehrt vernimmt man in den Medien Stim­men, die vor schwindender Konkurrenzfähig­keit und sinkendem Lebensstandard warnen. Wirtschaft und Politik sind vor allem besorgt darüber, dass China südkoreanische Unterneh­men auf den Weltmärkten zunehmend unter Druck setzt und sich in dem Wirtschaftswun­derland wirtschaftliche, politische und soziale Probleme auftürmen. Umfragen des Meinungs­forschungsinstituts Korea-Gallup deuten darauf, dass in der Bevölkerung bereits Zukunftsangst herrscht. Zur Jahresmitte antworteten auf die FrageHaben Sie Hoffnung in die Zukunft? nur 29% der Befragten mitein wenig bissehr viel, aber fast 70% hattenkaum oderüber­haupt keine Hoffnung.