6 Ein Tiger wird gejagt Im Verlauf der neunziger Jahre schob sich Südkorea, das neben Taiwan, Singapur und Hongkong einer der„Tiger“ der ersten Generation ist, bei zahlreichen Erzeugnissen in Qualität und Preis an die Wirtschaftsmacht Japan heran. In wichtigen Bereichen wie Schiffsbau, Elektronik, Automobile und Informationstechnologie gewann die südkoreanische Industrie an Boden, während sie unter anderem bei Nahrungsmitteln, Textilien und Bekleidung an Wettbewerbsfähigkeit einbüßte. Man rechnete damit, bei arbeitsintensiven Erzeugnissen zunehmend Marktanteile an das Billiglohnland China zu verlieren und im Bereich der Hochtechnologie verstärkt mit Japan zu konkurrieren. Als China im November 2001 nach 15 Verhandlungsjahren Mitglied der World Trade Organisation(WTO) wurde, versuchte man in Südkorea, die damit verbundenen Chancen und Risiken für die eigene Wirtschaft einzuschätzen. Einerseits erwartete man, dass dieser Schritt für zahlreiche koreanische Unternehmen die Voraussetzungen für ihre Ausfuhren nach China und die Investitionsbedingungen dort verbessern würde. Zum anderen war man sich im Klaren darüber, dass China im Kampf um Marktanteile und ausländische Direktinvestitionen zunehFES Analyse: Korea mend als ernstzunehmender Mitbewerber auftreten würde. Eine Strategie, bei der beide Länder gewinnen könnten, sah man zum Beispiel darin, dass koreanische Unternehmen mit chinesischen Partnern arbeitsintensive Produkte in China für den dortigen Markt erzeugten und High-Tech-Produkte aus Korea nach China lieferten. China stieß jedoch verblüffend schnell in jene Bereiche vor, in denen Korea Spitzentechnologie erzeugte und sich vorerst sicher wähnte. Eine Untersuchung der Korea Industrial Technology Foundation, die zum Ministerium für Handel, Industrie und Energie gehört, ergab, dass Korea bei Hochtechnologieprodukten gegenüber China nur noch wenige Jahre Vorsprung hat. China wird Korea bei Mobiltelefonen in drei Jahren, bei Klima- und Kühlanlagen in fünf Jahren, bei Flachbildschirmen in sieben Jahren und bei petrochemischen Erzeugnissen in 7–10 Jahren eingeholt haben. Dabei werden die chinesischen Produkte durchweg preisgünstiger als die koreanischen sein. Ohne deutliche Fortschritte bei Forschung und Entwicklung sowie Kostensenkungen im Hochtechnologiebereich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Korea in seinen Handelsbeziehungen mit China erstmals einen Fehlbetrag ausweist. Alterung und Familie Koreas Bevölkerung altert weltweit am schnellsten In jüngster Zeit ist ein Thema in der öffentlichen Debatte in den Vordergrund gerückt, von dem die meisten Menschen in Südkorea kaum Notiz genommen hatten: Koreas Bevölkerung altert weltweit am schnellsten! Mit einem Anteil von 7% der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung zählt Korea seit dem Jahre 2000 zu den„alternden“(ageing) Gesellschaften. Nur 19 Jahre später werden 14% der Bevölkerung dieses Alter erreicht haben, und Korea wird eine„alte“(aged) Gesellschaft sein. Dann werden nur sieben weitere Jahre vergehen müssen, bis der Anteil der über 65-Jährigen 20% beträgt und Korea eine „äußerst alte“(ultra-aged) Gesellschaft ist. Das wird im Jahre 2026 sein. Damit steht Korea vor einem demographischen Wandel, der sich in den USA und in Europa über einen weitaus längeren Zeitraum erstreckte und nur in Japan vergleichbar schnell verlief:
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