Eine weitere Hürde war die nur unzureichende politische Wahlaufklärung. Trotz groß angelegter Medienkampagnen und politischer Bildungsarbeit bzw. Wählerschulung war es so gut wie unmöglich, den Menschen überall im Land klar zu machen, wofür diese Wahlen gut sind und wie der Wahlprozess verläuft. Vielen – unter ihnen auch gebildeten – Menschen konnten nach den tiefen Konflikterfahrungen auch nicht vermittelt werden, dass die Wahlen geheim sind. Die Angst vor dem einschüchternden lokalen Kommandanten, der viele Stimmen im Vorfeld der Wahl zu seinen Gunsten gekauft hatte, war noch weit verbreitet. Selbst wenn bei dieser Wahl die Europäische Union und andere internationale Organisationen Hunderte internationale Wahlbeobachter stellten und fast 100.000 afghanische Wahlbeobachter ihr Bestes gaben, um Manipulationen zu verhindern, blieben zahlreiche Schwachstellen. Die aufgeführten Probleme bei Organisation und Durchführung der Wahlen sind zu einem gewissen Teil aber auch der Marschroute der internationalen Gemeinschaft geschuldet. Danach sollten die Wahlen um jeden Preis an diesem Termin durchgeführt werden, ein nochmaliges Überdenken des Wahltermins angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kam nicht zustande. Wie voraus zu sehen, kam es nach der Wahl zu über 6000 Beschwerden bei der eingerichteten Beschwerdekommission, die aber in den seltensten Fällen erfolgreich waren und Konsequenzen hatten. Entscheidend wird letztendlich aber sein, wie stark die über 12 Millionen Wahlberechtigten dem politischen Prozess vertrauen. Post-Petersberg-Strategie Mit den Parlaments- und Provinzrätewahlen ist offiziell der Petersberger Prozess beendet. Eigentlich hätten zur Vollendung auch noch die Distriktwahlen gehört. Dieses komplizierte Unterfangen, vor allem wegen der sehr umstrittenen Distriktsgrenzen, ist aber auf einen nicht absehbaren Termin verschoben worden. Ein pragmatischer Ansatz, denn er wird es dem Land ermöglichen, über die Distriktwahlen hinaus weitere zentrale Schritte im Rahmen einer PostPetersberg-Strategie gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft festzulegen. Hierzu sollten vor allem der Fokus auf eine stärkere wirtschaftliche Entwicklung und ein nachhaltiges Fiskalsystem gerichtet werden, um die Geber-Abhängigkeit des Landes zu verringern. Zudem sollten die Themen Verbesserung der Sicherheitslage, good governance und Bekämpfung des Drogenanbaus im Zentrum stehen. Darüber hinaus sind im Petersberger Abkommen die Ziele Demokratisierung und Einhaltung der Menschenrechte festgehalten, was bedeuten müsste, dass ehemalige Kriegsverbrecher in Regierung und Parlament keinen Platz haben. Wenn diese Ziele im Post-Petersberg-Prozess erreicht werden, dann kann Afghanistan endgültig von der Liste der„gescheiterten Staaten" gestrichen werden. Ende Januar 2006 wird eine entsprechende Nachfolgekonferenz zum Petersberg in London stattfinden. Es ist glücklicherweise nicht abzusehen, dass die internationale Unterstützung für die Demokratisierung, Entwicklung und Friedenskonsolidierung mittelfristig nachlassen wird. Wichtig wird sein, dass die afghanische Zivilgesellschaft in diesen Prozess einbezogen wird, um eine breite Unterstützung der Bevölkerung zu sichern, die immer noch in großen Teilen der Regierung und deren(vermeintlicher) Fremdsteuerung durch das Ausland skeptisch gegenübersteht. Umgang mit Warlords und anderen Nicht-Demokraten Der im Oktober 2004 gewählte Präsident Hamid Karzai muss einen schwierigen Balanceakt vollführen: Einerseits mehr Glaubwürdigkeit für den demokratischen Prozess herzustellen, andererseits mit altbekannten Warlords wie Dostum und Sayyaf zurechtzukommen. In der Vergangenheit schloss er einige Abkommen mit solchen NichtDemokraten, um sie in die Regierung zu integrieren. Jene Führer der Vergangenheit, aus verschiedenen Konfliktphasen, haben weiterhin großen Einfluss in den Provinzen. Menschen folgen ihnen aus alter Loyalität, weil sie ihnen Arbeit geben oder weil sie Angst vor diesen haben. Sie außen vor zu lassen oder sogar vor ein internationales Kriegsgericht zu stellen, würde sicherlich 4
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