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Parallelgesellschaft und Demokratie
Entstehung
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Thomas Meyer Parallelgesellschaft und Demokratie hergebrachten Normen der eigenen Gruppe unter Verzicht auf wesentliche verbriefte Rechte der Aufnahmegesellschaft zu unterwerfen und sogar im Falle einer entgegenge­setzten eigenen Auffassung auf die Anrufung der staatlichen Gerichte zu verzichten, um den sozialen Sanktionen der Parallelgesellschaft zu entgehen, kann in der Praxis durch­aus überwältigend sein. Auch in solchen Fällen möchte ich vorschlagen, die strengen Kri­terien für die Anwendung des Begriffs der Parallelgesellschaft für erfüllt zu halten. Falls außer diesem Kriterium alle anderen erfüllt sind, möchte ich aus Gründen, die im Verlaufe der Argumentation deutlicher werden, von»unvollständigen« Parallelgesellschaften spre­chen. Zivilgesellschaft und Parallelgesellschaft Die Zivilgesellschaft muss aus einer Reihe empirisch gestützter Gründe als die zentrale Gelegenheitsstruktur für die Ausbildung und Selbsterhaltung der politischen Kultur ange­sehen werden. Dass eine verbindende politische Kultur eine gemeinsame Sprache oder wenigstens Gelegenheiten der fortwährenden Übersetzung als Minimalbedingung der Möglichkeit öffentlicher Verständigung voraussetzt, ist offenkundig. Darüber hinaus aber muss ein gewisses Maß geteilten kulturellen Hintergrund- und Geschichtswissens gege­ben sein, aus dem sich die spezifische kollektive politische Identität der politischen Kultur eines Gemeinwesens speist, denn zur politischen Kultur eines Kollektivs gehört auch ein Entwurf dessen, wie man nach innen und außen gemeinsam politisch leben und handeln will. Wie die Forschungen zum Entstehen und zum Erhalt von sozialem Kapital gezeigt haben, ist für die Schaffung der handlungsbezogenen Orientierungen einer gemeinsamen politi­schen Kultur, die von Vertrauen, Verständnis- und Kooperationsfähigkeit sowie Solidarität geprägt ist, die beständige Chance zur Zusammenarbeit in den Foren, Initiativen, Netz­werken und Freundeskreisen der Zivilgesellschaft ausschlaggebend, in denen sich die eigenen Interessen der Engagierten und die öffentlichen Interessen des Gemeinwesens überlappen. Die grundlegenden gemeinsamen Handlungsorientierungen, die den Kern einer alle verbindenden politischen Kultur ausmachen, können verlässlich und umfassend nur aus einer gemeinsamen Praxis des sozialen, zivilgesellschaftlichen und politischen Handelns hervorgehen und sich in ihr fortlaufend erneuern. Die Schaffung von Lebenswelten und zivilgesellschaftlichen Handlungsfeldern, die prinzi­piell von allen Teilen der Gesellschaft geteilt werden, ist eine anspruchsvolle, aber unver­zichtbare Bedingung für die demokratische politische Integration. Sie ist eine unverzicht­bare Gelegenheitsstruktur, um das Maß an wechselseitigem Vertrauen und an Solidarität www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 7