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Parallelgesellschaft und Demokratie
Entstehung
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Thomas Meyer Parallelgesellschaft und Demokratie Eliten und Parallelgesellschaft Das zentrale Problem für die gesellschaftliche Integration folgt aber aus der Schlüssel­stellung, in die in diesen Gesellschaften die ethno-kulturellen Eliten nun zunehmend ge­raten. Sie begünstigt nämlich die Einwirkung zentralisierter kultureller, religiöser und politi­scher Vereine und Eliten von außen, die in die Parallelgesellschaften hineinwirken und sie zu kontrollieren beginnen. Organisierte Eliten, die die Probleme und Themen definieren, Sprachregelungen und Lösungsansätze einbringen, aber vor allem die Orientierungsmar­ken der ethnisch-kulturellen Identität mit kollektiver Verbindlichkeit zu definieren versu­chen, gewinnen Auftrieb und Einfluss. Die Hauptressource dieser Eliten ist aber nicht der kulturelle und politische Brückenschlag zur Mehrheitsgesellschaft mit der Zielsetzung zunehmender Integration, sondern die Ver­waltung, wenn nicht gar Mehrung des sozialen und politischen Kapitals der abgesonderten ethnisch-kulturellen Identität. Ihr Vermittlungs- und Interpretationsmonopol basiert nicht darauf, dass sie verbindendes Sozialkapital mehren, sondern auf der Ansammlung und Verwaltung trennender Elemente. Nur so gewinnen sie Macht, Einfluss und Privileg als Makler zwischen vermeintlich unversöhnlichen Identitäten. Ihr politisches Kapital steht in einem direkten Verhältnis zur Breite des Grabens, der ihre Minderheitsgesellschaft von der Mehrheitsgesellschaft trennt. Gelingende Integration, die immer das»Risiko« einer Annä­herung der Verschiedenen birgt, jedenfalls ihre wachsende Fähigkeit zur sozialen Interak­tion, muss ihnen daher eher als eine Gefahr für die eigene Stellung erscheinen, die sie dann umso eifriger und nachdrücklicher als Gefahr für die Identität ihrer Klientel und für die Zugehörigkeit des Einzelnen zur Gemeinschaft interpretieren. Die Überbetonung und die Ausweitung des ethnisch-kulturellen Identitätsdenkens, ver­bunden mit sozialem Konformitätsdruck, kann auf diesem Wege zur Alltagspraxis inner­halb der Parallelgesellschaften werden. Das engt den Spielraum des Einzelnen ein, für sich selbst eine sozial-kulturelle Identität zwischen den vielfältigen Deutungen und Ange­boten von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft zu finden. Es entsteht beträchtlicher Druck gegenüber den eher individualistischen Lebensweisen zuneigenden Angehörigen der jüngeren Generation, die sich ihren eigenen Weg zwischen Treue zur Religion und offener, toleranter Lebensführung suchen. Mitunter kann der Gruppendruck unter der Re­gie kontrollierender Eliten so weit gehen, dass Einzelne an der tatsächlichen Ausübung ihrer Menschen- und Bürgerrechte gehindert werden und damit der demokratische Rechtsstaat de facto in diesem Bereich unterlaufen wird. Dann wird aus der unvollständi­gen rasch und unbemerkt eine vollständige Parallelgesellschaft. www.fes-online-akademie.de Seite 5 von 7