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Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall?
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Alexandra Manske Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall? 1. Prekarität und Soziale Demokratie Die Ausweitung und Verfestigung von prekären Arbeits- und Lebenslagen hat auch in der Soziolo­gie zu einem vernehmbaren Umschlag in der Perspektive geführt. Die aktuellen Verteilungskämpfe um Arbeit und Wohlstand bewirken, dass zunehmend wieder strukturelle Konstellationen in den Blick genommen und als Rahmenbedingungen sozialer Verortungsprozesse betrachtet werden. Hierzu gehört unmittelbar, dass Arbeit wieder als zentraler gesellschaftlicher Teilhabemodus be­wertet wird. Anders als in den 1980er Jahren werden Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Teilhabe in den aktuellen Debatten wieder als unmittelbar verknüpft betrachtet. Von heute aus besehen ist daher unverkennbar, dass der Abgesang auf die Arbeitsgesellschaft in den 1980er Jahren verfrüht war. Dass Erwerbsarbeit dieHauptstütze für die Verortung in der Sozialstruktur(Castel 2000: 13) ist, ist also wieder weitgehend unstrittig. Erwerbsarbeit als zentralen Modus gesellschaftlicher Teilhabe zu betrachten hat insofern eine de­mokratietheoretische Implikation, als dass sich über die Art und das Ausmaß der Erwerbsteilhabe politische und soziale Inklusion und damit die Frage sozialer Gerechtigkeit transportiert(vgl. Meyer 2005). Welches Maß an gesellschaftlicher Teilhabe realisiert wird, hängt demnach wesentlich da­von ab, ob die eigenständige Existenzsicherung über Erwerbsarbeit gelingt und wie weit die Einzel­nen auf kodifizierte, sozialstaatliche Teilhaberechte bauen können. Soziale Lagen sind jedoch nicht nur durch den Zugang zu Erwerbsarbeit bestimmt, sondern bemessen sich ebenso am Zugang zu Leistungen zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie der Arbeitslosenversicherung u.ä.. Erst in dieser Kombination können Aussagen getroffen werden, in welchem Ausmaß und in welcher Qua­lität die Individuen am gesellschaftlichen materiellen sowie immateriellen Wohlstand partizipie­ren. Daran anknüpfend lässt sichgesellschaftliche Teilhabe und ihr negatives Pendant, dieAus­grenzung, als ein mehrdimensionaler Prozess und Zustand verstehen(Kronauer 2002). Gesellschaftliche Teilhabe strukturiert sich über die Partizipation an Erwerbsarbeit sowie über die formale Ausgestaltung institutioneller Zugehörigkeit und über die Qualität der Lebensführung, die sie ermöglicht. Abhängig vom Erkenntnisinteresse ist mit Martin Kronauer(2002) zu unterscheiden zwischen einerseits dem Modus der Interdependenz, verstanden als Einbindung in soziale Netze sowie vermittelt durch gesellschaftliche Arbeitsteilung und Erwerbsarbeit, und andererseits zwi­schen dem Modus der Partizipation, vermittelt durch soziale Rechte und differenziert in die Dimen­sionen materielle, institutionelle sowie kulturelle Teilhabe. Dabei bemisst sich materielle Teilhabe an einem gesellschaftlich als angemessen geltenden Lebensstandard, politisch-institutionelle Teil­www.fes-online-akademie.de Seite 2 von 18