Alexandra Manske Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall? Kapitals können die Befragten an privilegierte, soziale Erfahrungen anknüpfen und enthüllen insofern ein praktisches Verhältnis zum Künftigen, das nicht auf eine extreme Enteignung all ihrer Handlungsoptionen schließen lässt. Vielmehr scheinen sich die Akteure auf sich selbst zu verlassen und den Raum der Möglichkeiten als„segensreich“(Bourdieu 2001: 271) zu antizipieren. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von einer Antizipationsfähigkeit. Dieser Glaube an die Zukunft ist offenbar eine wesentliche Ressource für das Leben in eigenverantwortlichen Projekten. Denn er ermöglicht den Akteuren, die Kontingenzen des Lebens abhängig von den früheren Erfahrungen zu strukturieren(vgl. Bourdieu 2001: 267ff.). Als Kontingenz-Kompetenz fassen wir folglich eine Offenheit, vom Standpunkt des Möglichen neue selbst-unternehmerische Formen und Modi der praktischen Selbstverortung zu erproben, in der die eigenen Gewissheiten als verhandelbar betrachtet und die widersprüchlichen Praxisanforderungen zu einem kohärenten Ganzen zusammengefügt werden(vgl. Hark 2005: 390ff). Denn die Subjektivierung von Kreativarbeitern findet offenbar in einem permanenten Widerspruch statt. Ein Widerspruch, der verbunden ist mit der Angst vor dem sozialen Fall, dem Gefühl der sozialpolitischen Statuslosigkeit und Bedürftigkeit. Denn wie weit soziale Deklassierungsrisiken abgepuffert werden können oder ob dieser Schwebezustand in der Erfahrung totaler Ohnmacht endet, ist davon ab-hängig, wie weit die Akteure zur Eigenverantwortung fähig sind und sich folglich unter den Be-dingungen eines flexiblen Kapitalismus eine Kultur der Handlungsmacht erarbeiten können. Aus unserer Perspektive wäre es daher zu kurz gesprungen, diese strategische Bearbeitung von prekären Arbeits- und Lebensbedingungen als nur nach innen verlagerte Selbst-Disziplinierung zu begreifen (vgl. Lorey 2007: 126). 6. Zwei Formen von Prekarität Ist es demnach zutreffend, dass Prekarität überall ist(vgl. Bourdieu 1998)? Charakterisiert man Prekarität als Teil einer neuartigen Herrschaftsform(Bourdieu 1998), die im großen Maßstab zur Entsicherung von Arbeits- und Lebensbedingungen führt, welche die Betroffenen ihrer Zukunftspläne beraubt und sie dadurch im Heute paralysiert, dann ist sie sicherlich nicht„überall“ im sozialstrukturellen oder empirischen Sinne. Vielmehr wird Prekarisierung in zwei Formen sichtbar. Zum einen in der Umwandlung gesicherter Arbeitsverhältnisse in ungesicherte. Diese werden von Castel und im deutschsprachigen Kontext von Dörre et al. umfangreich beschrieben und analysiert. Die www.fes-online-akademie.de Seite 14 von 18
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Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall?
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