Alexandra Manske Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall? den. Für die Akteure ergibt sich somit eine widersprüchliche Situation: Sie verfügen über hohe berufliche Qualifikation, ihre soziale Lage spiegelt dies aber nicht wider. Vielmehr befinden sie sich subjektiv sowie objektiv in einer sozialen Schwebelage, die ihnen teilweise den Status„Hartz IV“Empfänger zuweist, was nach dem Empfinden unserer Befragten„ne elende Situation“ ist. Elend in mehrfacher Hinsicht, nicht zuletzt in politisch-institutioneller Hinsicht(vgl. Fraser 2002). „Für meine Lebenssituation[...] würde ich mir schon wünschen, dass es Möglichkeiten gibt, diese Ein-Mann-Unternehmen mit etwas mehr zu unterstützen und die mir vor allem einen Status geben. Denn dieser auf Hartz IV hier in Deutschland ist ne elende Situation[...].“(A8, ein Befragter) Vor diesem Hintergrund wächst die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse über den Stellenwert einer günstigen Krankenversicherung hinaus zu einer institutionellen Anerkennung und der Gewissheit heran, dazu zu gehören. Um Künstler im klassischen Sinne geht es hier jedoch nicht. Die Rede ist von Kreativarbeitern, die an den Schnittstellen der klassischen Kultursektoren(öffentlich, gemeinnützig, privatwirtschaftlich) aktiv neue Tätigkeitsprofile und Marktnischen entwickeln. Sie zeichnen sich durch eine„individualberufliche“ Prägung(vgl. Voß 2007) aus, in der die unterschiedlichsten künstlerischen Tätigkeiten und Kulturdienstleistungen flexibel miteinander verknüpft werden und nicht mehr trennscharf zu unterscheiden sind. Zudem bewegen sich die Befragten überwiegend in einem Projektkosmos, das heißt in einer„diskontinuierlichen Folge unternehmerischer Handlungen, die sich als Serie zeitlich limitierter Projekte vollzieht, die wiederum Ergebnis sozialer Interaktionen in wechselnden Akteursnetzwerken bilden“(Bröckling 2007: 278).„Moderne Wirtschaft“ baut demnach auf dem kreativen Subjekt auf, das unter projektifizierten und prekären Bedingungen arbeitet und lebt. 5. Kontingenz-Kompetenz statt Selbst-Prekarisierung Zugleich vermittelt eben dieser soziale Schwebezustand offenbar ein Gefühl von Souveränität und Handlungsmächtigkeit, indem sich die Akteure im Schumpeter`schen Sinne unternehmerisch betätigen sowie vergleichsweise ungewisse Arbeits- und Lebensbedingungen eigenverantwortlich gestalten. Ihre hohe Kapitalausstattung fungiert dabei als überfachliche„Schlüsselkompetenz“. Diese Schlüsselkompetenz erweist sich im Alltag als Belastungselastizität und sei nicht zuletzt auf einen spezifischen„State of Mind“ zurückzuführen, wie es ein Befragter pointierte. Das Spezifikum dieses„State of Mind“ lässt sich zunächst als eine gekonnte Ausblendung oben erläuterter Macht- und www.fes-online-akademie.de Seite 12 von 18
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Paradoxien des arbeitsgesellschaftlichen Wandels: Ist Prekarität überall?
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