Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen Dass es damals erbracht werden musste – coûte que coûte 2 –, vergegenwärtigt uns das heutige Datum. Denn München ist nicht nur die Stadt von Sophie und Hans Scholl. Sie ist in den zwanziger Jahren eine Hochburg des aufkommenden Nationalsozialismus gewesen. Hier fand am 9. November 1923 der von Hitler und Ludendorff angeführte Marsch auf die Feldherrnhalle statt, Hitlers erster Versuch, sich an die Macht zu putschen. Und hier in München war es auch, wo Joseph Goebbels am Abend des 9. November 1938, heute vor siebzig Jahren, die detaillierten Befehle zur Durchführung der Reichspogromnacht erteilte, die ja in der Lesart der Nationalsozialisten ein Ausbruch„spontanen Volkszorns“ war. Kontrastiert man dies mit den mutigen Handlungen der Weißen Rose, so leuchtet ihr Beispiel nur umso heller ins Heute herüber. Wir müssen uns bewusst sein, dass derartige Opfer in vielen Teilen der Welt weiterhin jeden Tag erbracht werden müssen, weil dort Willkür und Unfreiheit herrschen. Menschen stehen gegen Unfreiheit und Ungerechtigkeit auf, weil ihnen ihr Gewissen dies abverlangt – selbst wenn sie wissen, dass dies ihren Tod bedeuten kann. Das zeigt uns, dass eine glückliche Zukunft nichts Privates und Zurückgezogenes sein kann, sondern auch das Öffentliche und Politische einschließt. Weil falsche Politik auch das kleine private Glück zerstören kann, müssen wir in unserem eigenen Interesse um Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität kämpfen. Aber dies sind wir auch unseren Mitmenschen schuldig, denen wir solidarisch verbunden sind. Der Philosoph Karl Jaspers nannte das unsere metaphysische Schuld. Wenn wir ein geglücktes Leben haben wollen, müssen wir diesen Kampf immer wieder führen. Geglücktes Leben heißt sinnvolles Leben Dies ist für uns aber nicht nur Verpflichtung, sondern auch Chance. Die Solidarität mit unseren Mitmenschen eröffnet uns die Möglichkeit, unser privates glückliches Leben eben in ein geglücktes zu verwandeln, indem wir unser Dasein aus der privaten Vereinzelung befreien und mit Sinn erfüllen. Das Wort Sinn verweist auf einen größeren Zusammenhang, in dem unser einzelnes Leben seinen Ort hat, durch den es seine Zufälligkeit verliert, seine Bestimmung erhält. Es ist schwer, sich täglich mit der eigenen Zufälligkeit und Bedeutungslosigkeit zu konfrontieren. Wenn wir sie nicht überwinden, empfinden wir leicht Leere in uns. Im Alltag schieben wir das oft weg. Wir begnügen uns mit Routineaufgaben, die uns Sinn stiften oder wenigstens ablenken sollen; darüber hinaus mit Bekanntschaften und Freundschaften, die uns etwas bedeuten. Diese sind in der Tat kostbar. Gerade 2 „Koste es, was es wolle“(red.) www.fes-online-akademie.de Seite 4 von 19
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