Druckschrift 
Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen
Entstehung
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Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen das heißt die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, von unseren Wünschen und Befürchtungen in der Gegenwart geprägt ist. Wir nutzen die Vergangenheit selektiv, erinnerte Vergangenheit und erlebte Gegenwart verschrän­ken sich. Dabei spielt eine Erfahrung eine herausragende Rolle: In unserer Erinnerung läuft in der Regel wie ein Film im Hintergrund die Frage mit: Wie ist es mir dabei ergangen? Habe ich gut da­gestanden? Habe ich mich richtig verhalten? Diese Fragen betreffen im Kern unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl und wirken maßgeblich an der unbewussten Auswahl dessen mit, woran wir uns erinnern. Wir beziehen unsere Identität aus positiven Erinnerungen aus der Vergangenheit und blenden aus, was nicht zu unserem gewünschten Selbstbild passt. Denn es gehört viel Selbstüber­windung und auch Disziplin dazu, sich eine Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, bei der wir schlecht dastehen, durch die unser Selbstwertgefühl bedroht wird. In der Tradition der großen Religionen heißt das Gewissensprüfung. In Abwandlung eines berühm­ten Goethe-Wortes könnte man formulieren:Sage mir, woran Du Dich erinnerst, und ich sage Dir, wer du bist. Erinnerung als Grundlage persönlicher Identität Die Gewissensprüfung ist für uns alle eine ständige Herausforderung. Nicht nur in dem Sinne, dass wir daran den Mut erkennen können, sich schwierigen Erfahrungen in der Vergangenheit zu stellen. Sondern auch, weil unsere Identität, das heißt die Selbigkeit unserer Person, in unserer Erinnerung und durch sie erst entsteht. Denn wir leben in der Annahme, ein Leben lang, trotz aller äußeren und inneren Veränderungen, dieselbe Person zu sein. Die Gegenerfahrung machen wir, wenn Menschen ihr Gedächtnis verlieren, und weder für sie noch für uns über den sich ebenfalls wandelnden Kör­per hinaus vom Gestern zum Heute noch eine Brücke führt. Das ist eine überaus unglückliche Erfahrung, die mit der Zunahme der Demenzerkrankungen in unserer Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. Der Historiker Golo Mann hat diese Gebundenheit von Gedächtnis, Erinnerung und Identi­tät treffend auf den Punkt gebracht:Indem wir wissen, wo wir sind und wie wir dahin kamen, wis­sen wir auch wieder, wer wir sind. Ohne Gedächtnis wüßten wir das nicht. Ohne Erinnerung könn­ten, müßten wir dumpfe Angst erfahren, hätten aber keine bewußte Identität. Ohne Gedächtnis gäbe es keine Vergangenheit. Es gäbe auch keine Zukunft.[] Wir werden nie ohne Vergangenheit le­ben. Täten wir es, so würden wir eben nicht lange leben, sondern, uns selbst nicht mehr verstehend, im Dunkeln zugrunde gehen. www.fes-online-akademie.de Seite 7 von 19