Druckschrift 
Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen
Entstehung
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Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen Unsere verlässliche Erinnerung macht uns also zu einer mit sich selbst identischen Person und zugleich zu einem wiedererkennbaren und verlässlichen Partner für andere. Dabei kommt es weni­ger auf Einzelheiten des Faktischen an. Wichtiger ist die Kohärenz, ist der stimmige Zusammen­hang zwischen verschiedenen Handlungen und Aussagen in Vergangenheit und Gegenwart, ist die Frage, ob ich stattdessen nach dem Motto lebe: Was geht mich mein Geschwätz von gestern an? Diese Stimmigkeit verlangt nicht, dass ich immer dasselbe sage oder denke. Täte ich dies, dann wäre ich kein lebendiger Mensch. Leben heißt Veränderung. Zum Zusammenhang und damit zur Stärkung der Identität tragen Veränderungen sogar bei, wenn sie bewusst und reflektiert geschehen und wenn sie in einen überzeugend begründeten Zusammenhang mit früheren, nun veränderten Po­sitionen gebracht werden. Mutige Erinnerung stärkt persönliche Identität In diesem Fall führt zum Beispiel die Abkehr von erkannten Fehlern zu einer Stärkung der Persön­lichkeit, weil wir den Mut aufgebracht haben, uns mit Falschem klarsichtig und präzise auseinan­derzusetzen, was das Selbstwertgefühl hätte beeinträchtigen können. Besondere Autorität genießen bei gestrandeten Jugendlichen solche Polizisten oder Sozialarbeiter, die ihre eigenen jugendlichen Missgriffe nicht verdrängt haben, sondern in Erinnerung an sie und ihre damaligen Empfindungen, auch an das Leid, das sie ausgelöst haben mögen, Verständnis für die Fehler der Nachwachsenden und die Notwendigkeit ihrer Umkehr zugleich bezeugen können. Sie haben aus der Vergangenheit gelernt, das hat sie gestärkt und bietet ihnen die Chance, den Jugendlichen heute solche Stärke wei­terzugeben, ihnen dabei zu helfen, ihre Fehler nicht zu wiederholen, ihre Zukunft zu gewinnen. Je mutiger wir aus Fehlern in der Vergangenheit lernen, desto stärker werden wir, desto besser ge­lingt es uns, auch für andere, Zukunft zu gewinnen:Ich sage euch: So wird im Himmel mehr Freude über einen Sünder sein, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lukas, Kapitel 15, Vers 7) Vergangenheit als soziale Erinnerung und kollektive Identität Aber Vergangenheit begegnet uns nicht nur in der individuellen Erinnerung der eigenen Lebenszeit. Sie greift zeitlich darüber hinaus in die Geschichten, die wir schon in früher Kindheit in unserer Familie, von unseren Großeltern, in unserem Dorf oder von Freunden hören und die über Dinge handeln, die wir nicht selbst erlebt haben. Wir identifizieren uns mit diesen Geschichten, werden so Teil einer kollektiven(was nicht heißt in sich einheitlichen!) Identität, weil wir den Menschen ver­www.fes-online-akademie.de Seite 8 von 19