Druckschrift 
Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen gelungene menschliche Beziehungen, in denen wir uns gegenseitig halten und stärken, sind für ein geglücktes Leben ganz unerlässlich. Und doch braucht es mehr. Wir alle sehnen uns nach einem übergreifenden Sinnhorizont, in dessen Dienst Freundschaft und Liebe stehen. Vergangenheit und Sinn In der Vergangenheit haben Menschen Sinn ganz unterschiedlich begriffen, in den großen Mythen und Religionen zumal. Heute sind wir der Illusion beraubt, dass wir einen objektiven, allgemein verbindlichen Sinn erkennen, gar beweisen könnten. Metaphysik und Gottesbeweise sind an ihr Ende gekommen. Schon im 19. und 20. Jahrhundert sind hochfahrende Nationalismen an ihre Stelle getreten. Sie haben gezeigt, dass Menschen Sinn und Religionsersatz suchen und wohl brauchen, aber auch, welche Zerstörung ausgeht von der Anmaßung, einen objektiven, pseudoreligiösen Sinn durch Volk und Führer oder durch eine allwissende Partei-Avantgarde innerweltlich zu verkünden. Solche Hybris führt in Knechtschaft und Verbrechen. Nach den Katastrophen totalitärer Regime und Diktaturen ist uns die Freiheit noch teurer, den Sinn des eigenen Daseins selbst zu finden. Einen solchen Moment der Bewusstwerdung von Freiheit haben wir Deutsche im November 1989 erreicht. Hierfür steht der positivste 9. November, den es in unserer Geschichte je gegeben hat. Er markiert nicht nur den Aufbruch zu einem geeinten und demokratischen Deutschland, sondern auch das Ende einer Reihe von geschichtspolitischen Vereinfachungen und Verzerrungen: die DDR als makelloser Staat der Antifaschisten, die Bundesrepublik als glückliche und geläuterte Demokratie. Diese im Kalten Krieg oft ohne jede Selbstkritik hochgehaltenen Bilder haben es uns über Jahrzehn­te erschwert, uns über den historisch-politischen Ort, an dem Deutschland als Ganzes steht, einig zu werden. Gerade die vierzig Jahre währende Konkurrenz zweier deutscher Staaten mit ganz unterschiedlichen Auffassungen davon, wie Vergangenheit und Gegenwart zu interpretieren seien, zeigt: Es fällt uns schwer, unseren Platz in einem Zusammenhang als sinnstiftend zu erfahren, der uns nicht vorgege­ben ist, sondern den wir selbst verantwortlich finden und begründen müssen. Der Staat kann diesen nicht vorschreiben, denn dann würden wir uns als mündige Bürger verabschieden und erneut zu Untertanen werden. Das ist das Dilemma, in das uns die Freiheit der Moderne geführt hat. Wir kön­nen ihr nicht entrinnen. Wir wollen eine freiheitliche Politik. Sie ist der Kontext unserer Zukunft mit Hoffnung, aber sie kann den Sinn für unser geglücktes Leben nur bedingt stiften. Sie muss den Bürgern den Raum lassen, ihren Sinn selbständig zu finden. Wir leben in einer pluralistischen Ge­www.fes-online-akademie.de Seite 5 von 19