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Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen
Entstehung
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Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen land. Doch gegen das Plündern, Zerstören und Morden neuen Berechnungen zufolge gab es über 1.300 Tote ist kaum jemand aufgestanden, hat niemand öffentlich opponiert. Der Berliner Revier­vorsteher Wilhelm Krützfeld, der in dieser Nacht die Synagoge in der Oranienburger Straße vor dem Ausbrennen rettete, in dem er gegen Befehl von oben Löschkräfte herbeiorderte, steht hier als die mutige Ausnahme von der Regel. Sein Beispiel zeigt, dass Zivilcourage und beherzter Einsatz einen Unterschied machen können. Lernen können wir daraus, dass eine Gesellschaft ihre demokra­tische Zukunft umso besser sichert, je weniger sie sich aus Trittbrettfahrern und Mitläufern zusam­mensetzt. In einer Gesellschaft der Mitläufer riskiert der Mutige sein Leben. In einer Gesellschaft der Bürger mit Zivilcourage nicht, denn sie kann ein Bollwerk errichten gegen Machtmissbrauch und Willkür. Deshalb müssen wir gerade unter den vergleichsweise günstigen Bedingungen der Demokratie Zivilcourage einüben und praktizieren. Das bedeutet für mich: Ein Maß Skepsis gegenüber staatlichen Regeln tut uns allen gut, und ich sehe auch heute, in der Demokratie, so manche Infragestellung staatlich gesetzter Regeln durchaus unter dem Aspekt, dass sich hier eine lebendige Zivilgesellschaft unzureichend begründeten Kon­trollansprüchen selbstbewusst widersetzt. Dies zeigt mir, dass wir eine Bürgergesellschaft haben, die wenn es hart auf hart kommt Willkürhandlungen zu widerstehen vermag. Wie wichtig dies ist, zeigt der 9. November 1989. Als die Bürger der DDR sich darüber klar wurden, dass ihre indi­viduelle Unzufriedenheit oder ihr in kleinen Zirkeln geäußerter Protest zu einer Bewegung ange­schwollen war, die das ganze Volk erfasst hatte, war die Macht des Politbüros gebrochen. Die Ost­deutschen haben sich im November 1989 selbst befreit und für Deutschland die Chance errungen, vereint und in Frieden zu leben. Dabei hatten in Ost und West viele die DDR noch im Frühjahr 1989 für unerschütterlich gehalten. Vergangenheit und Gegenwart enthalten eben oft unbeachtete Potenziale. Nicht nur ihre wirtschaftlichen Schwächen, nicht nur die internationale Konstellation, nicht nur das Fernsehen, sondern vor allem und an erster Stelle die Entschlossenheit der Menschen haben die Mauer, die die Deutschen teilte, überwunden. Aus der Perspektivität der Vergangenheit lernen War das der Anfang einer geglückten Zukunft für Deutschland? Noch nicht. Wie immer bei großen Umbrüchen gab und gibt es enttäuschte Erwartungen, resignierte Nostalgien, Verbitterungen bei denen, die sich missverstanden fühlen, Unverständnis bei denen, denen es schwer fällt, sich in ande­www.fes-online-akademie.de Seite 15 von 19