Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen sellschaft, deren Vielfalt wir anerkennen und bejahen. Allerdings kann Politik im Dienste der Freiheit die Erfahrung von Sinn begünstigen. Ich komme darauf am Ende zurück. II. Aus der Vergangenheit lernen Wenn wir Zukunft, also Hoffnung auf ein geglücktes sinnvolles Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, gewinnen wollen, heißt das: Wir können sie auch verlieren. Wodurch? Zum Beispiel durch falsches Handeln in der Gegenwart, dadurch dass wir Chancen verpassen oder verbauen, dass wir Fehler wiederholen, Konflikte verschärfen, deren besseres Verständnis uns geholfen hätte, sie zu vermeiden oder ins Positive zu wenden. Kann uns die Vergangenheit helfen, solche Fehler zu vermeiden, kann sie uns Orientierung für zukunftgerichtetes Handeln geben, jenseits der fatalen Anmaßung einer gesetzlichen Notwendigkeit der Geschichte, der wir uns einzuordnen hätten und die uns deswegen gerade keine Zukunft in Freiheit ließe? Können wir also aus der Vergangenheit lernen, um Zukunft zu gewinnen? Vergangenheit befreit uns nicht von der Notwendigkeit, unseren Lebenssinn selbständig zu finden. Sie bietet uns aber eine wahre Schatzkammer an Erfahrungen und Orientierungen, mit denen wir uns auseinandersetzen können, um Fehler zu vermeiden, um unseren je eigenen Sinn auszumachen. Sie nimmt uns umgekehrt oft, ohne dass wir es merken, gefangen, raubt uns dadurch Freiheitschancen, wenn wir sie vernachlässigen. Vergangenheit als individuelle Erinnerung Was ist Vergangenheit? Zunächst die Zeit, die wir in der Gegenwart hinter uns gelassen haben. Aber ist schon die letzte Minute vor dem„Jetzt“ Vergangenheit? Die letzte Nacht bevor der heutige Tag begann? Rein zeitlich ja. Im Sinne einer Wirklichkeit freilich, auf die wir zurückblicken, vermuten wir einen gewissen Abstand zum„Jetzt“, auch wenn wir ihn logisch nicht eindeutig bestimmen können. Denn wir verbinden mit„Vergangenheit“ Vorstellungen über das, was gewesen ist, was wir getan haben, was andere uns getan haben, die ein Ganzes und damit einen Abstand bilden zur Gegenwart. Zugleich ragen diese Vorstellungen oft unbewusst in die Gegenwart hinein. In einem Ehestreit geht es häufig um weit zurückliegende Ereignisse, ein Geschehnis vor vielen Jahren, eine Lieblosigkeit, die im Kopf hängen geblieben ist – sie sind Vergangenheit, aber bis in die Gegenwart lebendig in unserer Erinnerung und in unserer Einstellung gegenüber dem Partner. Vergangenheit begegnet uns also zunächst spontan in unserer Erinnerung. Sie bezieht sich auf unsere Lebenszeit, und viele wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, wie stark die Erinnerung, www.fes-online-akademie.de Seite 6 von 19
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