Gesine Schwan: Aus der Vergangenheit lernen heißt Zukunft gewinnen der 8. Mai 1945 im Radio nicht als„Tag der Befreiung“ bezeichnet werden dürfe, was heftige geschichtspolitische Diskussionen zur Folge hatte. Bundespräsident Richard von Weizsäcker zog die Quintessenz einer jahrzehntelangen Debatte, als er in seiner Rede zum 8. Mai 1985 die kontroversen Interpretationen dieses Tages als„Zusammenbruch“ einerseits und„Befreiung“ anderseits zusammenführte. Dass die subjektive Erinnerung als Zusammenbruch mit der politischen Deutung als Befreiung vereinbar wurde, war jener kontroversen Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit, dem Abstand von vierzig Jahren Lebenszeit, der die Wunden bedeckt hatte, und nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass der Bundespräsident ein ehemaliger Offizier der deutschen Wehrmacht war, der um die Leiden der deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg ebenso wusste wie um den Mord an den europäischen Juden und um die Verbrechen im Osten. III. Lernen aus der deutschen Geschichte? Die doppelte Bestimmung des 8. Mai 1945 als Zusammenbruch und Befreiung verweist auf etwas Tieferes: die nicht festgelegte Bedeutung von Vergangenheit für die Gegenwart. Thomas Nipperdey, der an dieser Universität gelehrt hat und viel zu früh verstorben ist, hat stets Vorsicht angemahnt, wenn man Lektionen aus der Geschichte ziehen wolle. Er wehrte sich gegen eindimensionale„Vorgeschichten“ zum Beispiel des Nationalsozialismus, in denen alles auf ein Ziel hinausläuft, so als ob es nicht unausgeschöpfte Alternativen, Zufälle, Uneindeutigkeiten oder einfach unglückliche Konstellationen gegeben hätte, ohne die die deutsche Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte. Damit wird deutlich, dass Vergangenheit wie Gegenwart mehr Potenzial enthalten als zur Realität wird, und dass es deshalb für eine Zukunft geglückten Lebens im Persönlichen wie in der Politik darauf ankommt, diese Potenziale unter dem Aspekt einer angestrebten Zukunft in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität ausfindig zu machen. Es wäre grundfalsch, sie einfach als gegeben hinzunehmen oder gleichgültig auszublenden. Wenn wir uns das vergegenwärtigen, können wir auch der unfruchtbaren Alternative entgehen, den Nationalsozialismus, dessen epochale Bedeutung, andauernde moralische Belastung und immer noch spürbare verheerende Folgen außer Frage stehen, entweder als notwendige Konsequenz der deutschen Geschichte oder als reinen Betriebsunfall zu begreifen. Es kann uns keinesfalls darum gehen, das Dritte Reich zu den Akten zu legen. Im Gegenteil: www.fes-online-akademie.de Seite 12 von 19
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