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Bauarbeitergewerkschaften in Deutschland und internationale Vereingungen von Bauarbeiterverbänden (1869 - 2004) : Protokolle, Berichte, Zeitungen ; ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung
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Wandel und Differenzierung der Gewerkschaftspublikationen Die oben skizzierte Funktion der Gewerkschaftspresse unterlag selbstverständlich einem Wandel, der vor allem durch zwei Faktoren, die hier nur kurz gestreift werden können, be­dingt war: durch die Entwicklung der Gewerkschaftsorganisation und durch Veränderung der politischen und der kommunikativen Umwelt. In der Gründungsphase der Gewerkschaften seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dien­te die Gewerkschaftspresse neben Verbandstagen/Kongressen, Versammlungen, Konferen­zen und Gesprächen, Flugblättern und Broschüren in erster Linie als Mittel der Information und Dokumentation, des Austauschs konkurrierender Positionen über zentrale Frage der Or­ganisationsstruktur, der Politik und der Ziele der Gewerkschaft, der Meinungs- und Willens­bildung, aber auch der Mitteilung gewerkschaftspolitisch relevanter lokaler Ereignisse über Streiks, Lohnvereinbarungen etc. Die Gewerkschaftspresse nutzten führende Gewerkschafts­funktionäre als Organ für die Darstellung und Debatte ihrer Positionen, gewissermaßen als Forum; für die Mehrzahl der Mitglieder fungierte es als vielleicht wichtigstes Informations­medium. Eine wöchentlich erscheinende Gewerkschaftszeitung wie Der Grundstein war darauf gerichtet, möglichst alle Mitglieder durch Information, Dokumentation und Agitation in die Verbandskommunikation einzubeziehen. Insgesamt hatte die Gewerkschaftspresse in dieser Phase die Funktion, die Vielzahl lokaler Gewerkschaftsgründungen zu verbinden und die Konstituierung einer einheitlichen Organisation zu unterstützen. Mit der Etablierung und der Zentralisierung der Gewerkschaften, der organisatorischen Festi­gung und der Entwicklung zur Massenorganisation, diente die Gewerkschaftspresse immer weniger einem Meinungs- und Willensbildungsprozess innerverbandlich konkurrierender Po­sitionen, sondern wurde mehr zum Sprachrohr des Vorstandes, zum Informationsmedium über die Gewerkschaftsaktivitäten und zum Instrument für die Legitimation der Gewerk­schaftspolitik sowie zur Auseinandersetzung mit konkurrierenden und gegnerischen Positio­nen. Information, Unterrichtung, Agitation wurden zu wichtigen Funktionen der vom Ver­bandsvorstand kontrollierten Gewerkschaftszeitung, die integraler Bestandteil der Organisati­onspolitik war und bei den meisten Verbänden jedem Mitglied kostenfrei(finanziert durch die Mitgliedsbeiträge) zugestellt wurde. Mit der Etablierung und Differenzierung der Gewerkschaften sowie ihrer Entwicklung zu Massenorganisationen erweiterte sich das Spektrum der herausgegebenen Publikationen(sie­he oben). Dennoch blieben die Gewerkschaftszeitungen die wichtigsten Veröffentlichungen für die Unterrichtung der Mitglieder. Für den Stellenwert der Gewerkschaftspresse spielt neben den politischen Rahmenbedin­gungen, die über Verbot oder Akzeptanz entscheiden das kommunikative Umfeld eine zen­trale Rolle. Ob im 19. und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für viele Mitglieder die Gewerkschaftszeitung das einzige Nachrichtenblatt war, das von ihnen bezogen und gelesen wurde, ist vermutlich kaum zu beantworten. Eine exklusive Rolle für eine größere Zahl von Mitgliedern dürfte der Gewerkschaftspresse erst mit der Entwicklung zur Massenorganisation und der Organisierung von un- und angelernten Arbeitern zugekommen sein. Wie auch immer 89