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Jugend wählt : Perspektiven junger Menschen auf Wahlalter, politische Informationen und Parteien bei der Europawahl 2024
Entstehung
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Insgesamt zeigt diese Betrachtung von Merkmalskombina­tionen und der resultierenden Kontrastgruppen jedenfalls einmal mehr, dasseinfache Gruppenvergleiche Frauen vs. Männer, niedrige vs. hohe Bildung wichtige Erkennt­nisse liefern, aber eben nicht das ganze Bild, gerade wenn es um politikrelevante Unterschiede geht(Steiner 2023). Da die Effekte einzelner individueller Eigenschaften sich wechselseitig verstärken, resultieren im Ergebniskrasse Unterschiede die dann auch die Basis für Polarisie­rungsmuster bilden können. 5.2  AFFEKTIVE POLARISIERUNG Ausgehend von diesen großen Unterschieden zwischen Gruppen, was die Wählbarkeit der einzelnen Parteien (und insbesondere von AfD und Grünen betrifft) angeht, stellt sich die Frage, ob damit auch weitergehende Effekte auf Politik und Gesellschaft verbunden sind. In der einschlä­gigen Forschung wird dies unter dem Stichwort einer möglichenaffektiven Polarisierung diskutiert. Die Frage lautet dann im Kern: Gehen mit Unterschieden bezüglich der Wählbarkeit und der Wahl verschiedener Parteien auch Tendenzen einher, die Wähler:innen ande­rer Parteien abzuwerten und abzulehnen und umgekehrt Gleichgesinnte in einem deutlich besseren Lichte zu sehen? Solche Polarisierungsmuster ergeben sich dabei keineswegs zwangsläufig, denn nicht aus jedem Unter­schied, den es zwischen Menschen gibt, folgt automatisch eine wechselseitige Auf- oder Abwertung. Es ist vielmehr eine empirische Frage, inwieweit das letztlich(für welche Parteien und Gruppen) zutrifft. Um diese Frage beantworten zu können, haben wir gefragt: Wie schätzen junge Menschen die Anhänger:in­nen verschiedener Parteien ein? Stehen sie diesenkühl und negativ oder aberwohlgesonnen und positiv gegenüber? Insgesamt stand den Befragten für ihre Ein­schätzungen eine Skala von –5 bis+5 zur Verfügung. Abbildung 18 stellt die Ergebnisse dar. Anhänger:innen von CDU und CSU werden überwiegend neutral wahrge­nommen, ersichtlich an dem hohen Anteil der Befragten, die sich für die Mittelkategorie0 entscheiden wobei man bei genauer Betrachtung doch erkennen kann, dass ein Bezug zur CSU etwas mehr negative Gefühle zu wecken scheint als ein Bezug zur CDU. Insgesamt bestäti­gen beide Muster aber, dass Wählergruppen bestimmter Parteien nicht automatisch als positiv oder negativ wahr­genommen werden, sondern auch mehrheitlichneutral gesehen werden können. Auch die Wahrnehmungen der FDP- und BSW-Anhänger:innen fördert ein ähnliches Muster zutage; eine überwiegende Mehrheit wählt auch hier die neutrale Mittelkategorie. Dass dabei gerade für das BSW der höchste Teil in dieser Kategorie resultiert, mag dabei durchaus verwundern, wird die Partei doch häufig auch als polarisierende Kraft gesehen. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass das BSW zum Zeitpunkt der Erhe­bung im Mai/Juni 2024 noch sehr jung war, sodass man annehmen kann, dass sich hinter der Null auch ein erheb­licher Anteil an Befragten befindet, der sich schlicht noch kein Bild über das BSW(und seine Anhänger:innen) gemacht hat. Die Muster verändern sich, wenn wir zu den anderen Par­teien übergehen. Bezogen auf SPD-Wähler:innen ist die Mittelkategorie noch immer die am häufigsten genannte; zugleich sehen wir hier aber im Vergleich zu den bisher betrachteten Parteien deutlich mehr positive und damit wohlgesonnene Wahrnehmungen. Auch bei Grünen und ­Linken sehen wir vermehrt Nennungen im positiven Bereich; bei diesen Parteien, aber noch viel mehr bei der AfD, sehen wir eine stärkere Besetzung der Extremkate­gorie –5. Bislang haben wir die Einschätzungen der Wähler:innen verschiedener Parteien durch unsere Befragten insgesamt betrachtet. Die Analyse der Wählbarkeiten oben hat aber gezeigt, dass es diesbezüglich erhebliche Gruppenunter­schiede gibt, die sich insbesondere bei der gemeinsamen Betrachtung verschiedener Merkmale(in einer dann re­sul­tierenden Logik von Kontrastgruppen) gezeigt haben. Auch an dieser Stelle wollen wir dieser Logik von zwei Kontrastgruppen folgen und damit einmal formal hochge­bildete Frauen aus Großstädten und als Kontrast dazu ein­mal junge Männer mit formal geringer Bildung, die nicht in Großstädten leben, betrachten. Noch dazu wollen wir uns in Abbildung 19 exemplarisch auf drei Parteien kon­zentrieren: AfD und Grüne, da sich bezogen auf beide Par­teien in den bisherigen Analysen deutliche Unterschiede gezeigt haben, und im Vergleich dazu die SPD. Auf die ausführliche Darstellung in einzelnen Teilgruppen, die nur auf jeweils einem Differenzierungsmerkmal basieren, ver­zichten wir an dieser Stelle. Sie zeigen letztlich jeweils jene Muster, die den oben präsentierten Mustern zur Wählbar­keit der Parteien weitgehend entsprechen. Sie verdichten sich dann zu den Kontrastgruppen, die wir im Folgenden darstellen. Für die hier nicht dargestellten Parteien CDU/CSU, FDP, Linke, BSW finden sich, wie auch in der Gesamtdarstellung, deutlich schwächere Muster. Bezogen auf die SPD sehen wir bei jungen, formal niedrig gebildeten Männern, die nicht in Großstädten leben, zwei Auffälligkeiten: SPD-Wähler:innen werden von dieser Gruppe überwiegendneutral wahrgenommen; ebenso gibt es aber einen erheblichen Teil, der der SPD-Anhänger­schaft mit sehr starken negativen und kühlen Gefühlen ­begegnet. Dies ist bei jungen Frauen mit formal hoher ­Bildung in der Großstadt vollkommen anders: Negative Gefühle löst der Gedanke an SPD-Wähler:innen bei ihnen kaum aus; vielmehr überwiegen neutrale oder gar positive/ wohlgesonnene Bewertungen deutlich. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung der SPD-­Wähler:­in­­nen zwischen den beiden Kontrastgruppen muten jedoch sehr klein an, wenn man sich im Vergleich die Be­wertun­gen der Grünen- bzw. AfD-Wähler:innen an­schaut. Fast 50 Prozent der jungen, formal niedrig ge­bildeten Männer, FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 25