14 Nach 1990 schien es, als ob Zivilgesellschaft zum Schlüsselbegriff für ein ost-west-übergreifendes, gesellschaftspolitisches Projekt werden würde, das beide europäischen Traditionen verbindet und der politischen Linken anstelle des offensichtlich irreversibel beschädigten Sozialismus-Begriffes ein neues Ziel vermittelt. Im Frühjahr des Jahres 2000 wurde Zivilgesellschaft gleichsam zum Motto der Modernisierungsdebatte der europäischen Sozialdemokratie. Gerhard Schröder veröffentlichte dazu in der kÉìÉå= dÉëÉääëÅÜ~Ñí einen programmatischen Aufsatz, dessen Hauptthese lautete: Der Staat muss Verantwortung an die Zivilgesellschaft zurückgeben. Im Juni 2000 riefen die in Berlin tagenden 13 Regierungschefs der linken Mitte zur Stärkung der Zivilgesellschaft auf. Im September 2000 erklärten Tony Blair, Wim Kok, Göran Persson und Gerhard Schröder gemeinsam, die Zivilgesellschaft sei Europas Beitrag zum Fortschritt im 21. Jahrhundert. Sie zu stärken, sei nötig, weil sie„...ein Gegengewicht sowohl zu übermäßiger staatlicher Einmischung als auch zur uneingeschränkten Macht der Märkte“ sei. Ein gutes Jahr später, nach dem 11. September 2001, sah es jedoch so aus, als läge die Konjunktur dieser Debatte schon wieder hinter uns. Seit den monströsen Anschlägen von New York und Washington- das Werk einer terroristischen Vereinigung, man könnte auch sagen einer kriminellen Nichtregierungsorganisation- verbietet sich jegliche Euphorie hinsichtlich einer allemal besseren Welt, so sie denn weniger Staat und Regeln hätte. Ralf Dahrendorf, gewiss ein liberaler Vordenker, ein brillanter Prediger ziviler Tugenden und einer bürgergesellschaftlichen Verfassung der Demokratie, schrieb im November vergangenen Jahres – auf dem Höhepunkt der Terrorismus-Debatte- einen Aufsatz in der cê~åâÑìêíÉê=^ääÖÉãÉáåÉå, den er unter die Überschrift stellte:„Recht und Ordnung“. Man höre und staune: i~ï=~åÇ= lêÇÉê= aus dem Munde eines passionierten Liberalen! „Weniges“, so schrieb er, sei schlimmer als„Beliebigkeit ohne Halt“, und er fügte hinzu:„Spät, zu spät kam... die Entdeckung..., dass die Beseitigung von Grenzen... auch für böse, ja zerstörerische Zwecke benutzt werden kann.“
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